Eintrag Nr. 22 - Besser spät als nie

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Eintrag Nr. 22 - Besser spät als nie

In NYC merke ich, dass mich das ganze Wandern in der Abgeschiedenheit doch beeinflusst hat. Ich mag Großstädte aber Manhattan ist mir irgendwie (zu diesem Zeitpunkt) zu anstrengend. Es ist laut, hektisch, rastlos. Vor allem die Lautstärke stresst mich sehr. So sehr, dass ich schlechte Laune bekomme und ruhigere Orte aufsuchen möchte. Die Wüste. Im Nichts stehen und nichts hören außer die Stimme in deinem Kopf. Die Berge. Den sich zusammendrückenden Schnee unter deinen Schuhen und bleibst du stehen, dann pfeift nur der Wind. Auf dem Gehsteig ist kein Platz zum Stehenbleiben, die Menge schiebt dich weiter.

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Eintrag Nr. 21 - Von Tornados und Tubing

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Eintrag Nr. 21 - Von Tornados und Tubing

Nach fünf wunderschönen Tagen in New York, verpassten Anschlussflügen, einem mehrstündigen Aufenthalt am Londoner Flughafen "Heathrow" - inklusive Shoppingwut - sind wir nun beide wieder sicher in der Heimat angekommen. Etwas verspätet, aber man sagt ja "besser spät als nie", kommt hier der Bericht von unseren letzen Tagen auf dem Trail.

...Das Bed&Breakfast in Paw Paw hat einen kleinen, weißen Schuppen, den die Besitzer zum Mehrbettzimmer umfunktioniert haben. Hier genießen wir einige ruhige Tage, die ich vorwiegend im Bett verbringe, um mich von der Grippe zu erholen. Ilkay sitzt währenddessen auf der Veranda und liest oder surft im Internet. Es scheint ihm nicht wirklich etwas auszumachen die Beine hochzulegen und nebenher das unglaublich gute Essen zu genießen, das uns die nette B&B Besitzerin täglich auftischt. Am dritten Tag sind wir besonders froh ein Dach über dem Kopf zu haben, denn die Sirenen im Dorf beginnen wild zu heulen und kündigen einen Tornado an. Ganz ehrlich - ein bisschen Schiss habe ich schon. Ilkay hingegen zückt seine Kamera und bekommt ganz glasige Augen. "Friedi, hoffentlich kommt wirklich einer, sowas wollte ich schon immer mal sehen!" Einige Stunden später steht jedoch fest, dass außer ein paar dunklen Wolken, starkem Wind und Regen nichts passieren wird. Der Tornado ist einige Meilen weiter gezogen und hat dort für Verwüstung gesorgt.

Friedi, krank im Bett. Foto: Ilkay

Friedi, krank im Bett. Foto: Ilkay

Kleiner Taucher. Foto: Ilkay

Kleiner Taucher. Foto: Ilkay

Dunkle Wolken kündigen das Unwetter an. Foto: Ilkay

Dunkle Wolken kündigen das Unwetter an. Foto: Ilkay

Starker Regen in Paw Paw. Foto: Friedi

Starker Regen in Paw Paw. Foto: Friedi

Drei Nächte verbringen wir in Paw Paw, bevor es mir besser geht und wir zurück auf den Trail können – die letzen 160 Meilen bis Washington DC liegen vor uns. Die letzten Nächte im Zelt. Der letzte Abschnitt einer Reise quer durch Amerika. Unser Weg führt uns auf dem „C&O Canal“, am Potomac River entlang. Dieser Trail, eigentlich Chesapeake & Ohio Canal, führt von Washington DC nach Cumberland und wird hauptsächlich von Radfahrern genutzt.

Wie schon einige Trail-Abschnitte vor ihm, ist auch der C&O Canal flach und bietet für Wanderer keine große Abwechslung. So ist der Paw Paw Tunnel, der uns unmittelbar hinter dem Städtchen erwartet, neben einigen Schleusen aus längst vergangenen Flößer-Zeiten, die spannendste Sehenswürdigkeit in den folgenden Tagen.

Der Paw Paw Tunnel. Foto: Friedi

Der Paw Paw Tunnel. Foto: Friedi

Der Paw Paw Tunnel von innen. Foto: Ilkay

Der Paw Paw Tunnel von innen. Foto: Ilkay

Wir werden mit jeder Meile hibbeliger und haben im Großen und Ganzen genug vom Wandern. Aus Langeweile beginnt Ilkay mir türkische Wörter und Sätze beizubringen. Ich laufe seitdem durch den Wald und rufe ihm 'Sen çirkin sin' hinterher. Selbst schuld, mein Lieber. Zum Glück gibt es auf der Canal Trail alle paar Meilen einen Campground mit Feuerstelle, Wasserpumpe und Picknickbank, sodass wir uns nicht um einen Schlafplatz kümmern müssen. Zum ersten Mal auf der gesamten Wanderung machen wir regelmäßig ein Lagerfeuer und grillen Würstchen und matschige Hotdog-Brötchen. Die schmecken zwar nicht wie ein fünf-Sterne-Menü, sind aber besser, als die Doppel-Packung Top Ramen Nudeln, die es bisher zum Mittagessen gab.

Leider gibt es aus dieser Zeit nicht besonders viel zu berichten. Der Trail gleicht einem grünen Tunnel aus Lianen und hohen Bäumen. Weil wir uns auf einem historisch-wertvollen Fleck Erde befinden, stehen immer wieder Tafeln am Wegesrand, die das Kanalsystem, die Schleusen und andere wichtige Abschnitte dieses alten Transportsystems erklären. Immer wieder treffen wir auf kleine Dörfer, in denen wir unsere Lebensmittel auffüllen, bevor es weiter Richtung Osten geht.

Der C&O. Foto: Ilkay

Der C&O. Foto: Ilkay

Liane. Foto: Friedi

Liane. Foto: Friedi

Friedi schnitzt Stöcke zum Grillen. Foto: Ilkay

Friedi schnitzt Stöcke zum Grillen. Foto: Ilkay

Eine alte Schleuse. Foto: Friedi

Eine alte Schleuse. Foto: Friedi

Zum Nachtisch gibt es gegrillten Apfel. Foto: Friedi

Zum Nachtisch gibt es gegrillten Apfel. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

An unserem siebten Nachmittag auf dem Trail stehen wir am Dorfrand von Sheperdstown. Unsere Haut klebt, wir sind verschwitzt und stinken vermutlich furchtbar, denn wir haben uns seit über einer Woche nicht gewaschen. "Eine Dusche wär schon mal wieder schön," sage ich zu Ilkay, der zwar meint, dass er es schon noch ein bisschen aushalten könnte, aber natürlich nicht nein sagen würde. Keine zwei Minuten später spricht uns eine ältere Dame an. Sie will wissen woher wir kommen und wo wir die Nacht verbringen. Als ich ihr erzähle, dass wir auf der Suche nach einem Lebensmittel-Geschäft und einer Dusche sind, läd sie uns zu sich nach Hause ein. Grinsend begleiten wir sie - dass wir auch immer im richtigen Moment den richtigen Leuten über den Weg laufen. Nach wenigen Metern stößt die Nachbarin zu uns, die ebenfalls wissen will, wer wir sind und woher wir kommen. Als sie erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, läd sie uns ein bei ihr zu übernachten. Ihr Mann spricht fließend deutsch und würde uns bestimmt gerne kennenlernen, meint sie. Wir gehen also erst zu Judy und ihrem Mann, um zu duschen und anschließend weiter zur Nachbarsfamilie, um dort zu übernachten. Ein Wunder, dass in diesem Städtchen überhaupt Hotels überleben, wo die Bewohner so gastfreundlich sind. Die nette Nachbarin hat zwei kleine Söhne, die ganz aus dem Häuschen sind, als sie uns sehen. Sie hüpfen auf dem Schlafsofa herum und wollen gar nicht ins Bett gehen. Erst recht nicht, als Ilkay ihnen eine deutsche Gute-Nacht-Geschichte vorliest.

Am nächsten Morgen verlassen wir das Haus mit der festen Absicht zurück auf den Trail zu gehen. Im Lostdog, einem kleinen Café auf der Hauptstraße, holen wir uns ein letztes Getränk und ein Stück Kürbiskuchen zum Frühstück und zapfen das Internet an, um eine Schlafgelegenheit in DC und New York zu finden. Ich mache mich auf die Suche nach einem ATM, während Ilkay vor dem Café sitzen bleibt. Als ich 5 Minuten später zurück komme, hat Ilkay einen neuen Freund gefunden. Justin wohnt etwas außerhalb von Sheperdstown, direkt am Potomac River und läd uns spontan zu sich ein. Wir lernen seine Mitbewohnerin kennen und sind gerade in ein Gespräch über das Gesundheitssystem vertieft, als Justins Eltern ankommen. Sie sind mit ihrem Sohn zum Mittagessen verabredet und nehmen uns einfach mit. Es fühlt sich etwas befremdlich an in ein Familientreffen reinzuplatzen, aber am Ende haben wir jede Menge Spaß.

Brücke vor Sheperdstown. Foto: Friedi

Brücke vor Sheperdstown. Foto: Friedi

Nach dem Essen müssen wir uns erstmal hinlegen. Woher nur diese unglaubliche Müdigkeit kommt, die uns hier sofort befällt, sobald wir nicht wandern? Ich könnte jeden Abend um 6 Uhr ins Zelt kriechen und Ilkay schläft auf jeder noch so kurzen Autofahrt im Sitzen ein. Am Abend bin ich froh geschlafen zu haben, denn wir gehen auf das Konzert von Justins Mitbewohner, der in einer Coverband spielt. Schnell sind wir beide angetrunken. Hier sollte man besser keine Diskussionen über gutes und schlechtes Bier anfangen, weil man sonst ständig ein neues in die Hand gedrückt bekommt. "Hier, probier das du deutscher Bierprofi, wir Amis können schon Bier brauen, du musst nur das richtge bestellen!"

Am nächsten Morgen bereue ich es ein wenig so viel getrunken zu haben, denn heute ist das Straßenfest in Sheperdstown. Überall sind Buden aufgebaut, es gibt Schmuck, Krimskrams, jede Menge Foodtrucks und Livemusik. Wir können also immer noch nicht zurück auf den Trail, sowas kann man sich ja schlecht entgehen lassen. Mittags machen wir uns auf dem Weg in das Städtchen und teilen uns vor einer Bude etwas zu essen und trinken ein Bier - Ilkay ist mürrisch, weil es so teuer ist - als mich jemand anspricht. "Hey Friedi, wie geht's? Seid ihr gestern gut heimgekommen?" Ach du scheiße, wer ist das?! Erst als ich den Mann sehe, der neben der zierlichen, grinsenden Frau steht, die mich gerade angesprochen hat, erkenne ich das Paar. Es sind Freunde unseres Gastgebers Justin, die wir vom Konzert am Abend zuvor kennen. Sie sind nur auf ein Bier auf das Straßenfest gekommen und wollen eigentlich bald weiterziehen. Sie fragen uns, ob wir mitkommen wollen. Die Straße hoch befindet sich ein altes Opernhaus, in dem heute Kinovorstellungen und Konzerte stattfinden. Das möchten uns Danny und Michelle gerne zeigen. Sie kennen den Besitzer, einen Dokumentarfilm-Macher, der uns herumführt und schließlich in seine Wohnung einlädt, die sich im oberen Teil des Hauses befindet. Wir trinken Bier, essen Würstchen und genießen den wunderschönen Tag. Bald werden gemeinsame Pläne geschmiedet und es wird beschlossen, dass wir am nächsten Tag auf dem Potomac River "tuben" gehen müssen. Tubing ist "typisch amerikanisch". Man lässt sich in einem großen Schwimmring den Fluss runter treiben, trinkt dabei Bier, hält immer wieder an, um etwas zu essen oder in der Sonne zu faulenzen. "Ihr könnt nicht ein halbes Jahr in den USA verbringen, ohne das einmal gemacht zu haben!" meint Michelle. "Wir holen euch morgen Vormittag ab." Da sagen wir nicht nein, das Ganze hört sich ziemlich witzig an. Bei unserem Tubing-Trip ist dann auch Justin dabei, der am Tag zuvor auf einer Hochzeit eingeladen war. Zusammen lassen wir uns den Fluss runter treiben und springen immer wieder ins Wasser unter dessen Oberfläche sich teilweise dicke Felsen verstecken, was zu einigen blauen Flecken und kleinen Schürfwunden führt. Während wir noch im Wasser planschen holt Danny mit seinem Motorrad das Auto ab, dass wir einige Meilen den Fluss hoch geparkt haben. Er ist nur mit Badehose und Helm bekleidet und sieht mit seinen ganzen Muskeln aus wie ein Superheld und wird daher von Ilkay "The mostly naked Rider" getauft. Am Abend grillen wir zusammen mit Danny und Michelle und bleiben noch eine Nacht bei ihnen, bevor es am nächsten Morgen wieder auf den Trail geht.

Sheperdstown. Foto: Ilkay

Sheperdstown. Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Der "mostly naked rider". Foto: Ilkay

Der "mostly naked rider". Foto: Ilkay

Im Auto. Foto: Ilkay

Im Auto. Foto: Ilkay

Nun sind es noch knappe 70 Meilen, die sich wie ein riesiger Berg vor uns auftürmen. Wir schaffen kaum 15 Meilen am Tag, weil unsere Motivation so im Keller ist und meine Füße so schmerzen, dass ich kaum noch Spaß am Laufen habe. Nach 4 Tagen erreichen wir Leesburg und beschließen dort, dass die Stadt der perfekte Endpunkt für unsere Wander-Reise ist. Dafür sind einmal mehr die Einwohner verantwortlich.

Wir gehen in ein Diner auf der Hauptstraße und essen dort das beste Chickensandwich unserer Reise und werden obendrein vom Besitzer eingeladen, müssen das weltbeste Sandwich also nicht einmal bezahlen! Als wir aufbrechen wollen, wird Ilkay von einem Mann angesprochen, der interessiert mit angehört hat, wie wir von unserer Reise erzählen. Er ruft den Lokalreporter an, der wenige Minuten später auftaucht, um uns zu interviewen. Wann seid ihr losgelaufen? Wie weit? Und was habt ihr alles erlebt? Nach dem kurzen Gespräch macht er noch ein Foto von uns und dem Mann, der uns an die Zeitung weitervermittelt hat. Am nächsten Tag erscheint der kleine Artikel in der Lokalzeitung und im Internet.

Nach dem Interview beschließen wir für unseren letzten Abend auf dem Trail noch einmal Würstchen zu kaufen und uns danach in einem Café einen Eiskaffee zu gönnen – der letzte Tag muss schließlich gefeiert werden. Während wir unseren Kaffee genießen spricht uns ein Mädchen an. Sie ist braungebrannt und ihre Statur und ihre neugierigen Fragen lassen daraus schließen, dass sie offensichtlich auch gerne Sport macht. Schnell kommen wir ins Gespräch und sie bietet an, uns das Stück zum Trail zurück zu fahren. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.

Am Abend sammlen wir gerade Holz für unser letztes Feuer, als ein Mann auf einem Fahrrad neben unserer Picknick-Bank hält. Er wirkt etwas verzweifelt und fragt, ob es uns etwas ausmachen würde, die Nacht mit einer Horde Halbwüchsiger auf dem Zeltplatz zu verbringen. Es scheint, als wäre die Gruppe schon öfter weggeschickt worden. Uns macht es jedoch nichts aus und die Halbwüchigen stellen sich wenige Minuten später als putzige Gruppe Pfadfinder heraus, die zwischen 11 und 14 Jahre alt sind und mit ihren Eltern und Betreuern einen Wochenausflug auf dem C&O Canal unternehmen. Es wird der perfekte Abschlussabend. Es ist warm, überall schwirren Glühwürmchen und die Pfadfinder-Jungs freuen sich über die restlichen Würstchen, die wir bereitwillig mit ihnen teilen.

Am nächsten Morgen nimmt uns ein Mann mit nach Boonsboro. Hier wohnt Greg, der Großonkel von Ashley, die wir Monate zuvor in Utah kennengelernt haben. Greg ist bereit uns die nächsten Tage bei sich aufzunehmen, bis es für uns weiter nach DC geht. Wir werden großartig bewirtet, dürfen im Pool baden und können endlich die letzten Monate verarbeiten. Was für eine großartige Reise, voller Abenteuer, großartigen Landschaften und unglaublichen Begegnungen. Nie hätte ich zu träumen gewagt, so warmherzig und gastfreundlich empfangen zu werden. Danke!

Ilkay badet im Potomac. Foto: Friedi

Ilkay badet im Potomac. Foto: Friedi

Friedi findet eine Schildkröte. Foto: Ilkay

Friedi findet eine Schildkröte. Foto: Ilkay

Zeltplatz am Potomac River. Foto: Friedi

Zeltplatz am Potomac River. Foto: Friedi

Friedi am Potomac River. Foto: Ilkay

Friedi am Potomac River. Foto: Ilkay

Abendsonne auf dem Trail. Foto: Ilkay

Abendsonne auf dem Trail. Foto: Ilkay

Schmeiß die Wanderschuhe weg, jetzt wird gebadet! Foto: Friedi

Schmeiß die Wanderschuhe weg, jetzt wird gebadet! Foto: Friedi

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Eintrag Nr. 13 - Von echtem Urlaub und Schneesturm Nummer 3

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Eintrag Nr. 13 - Von echtem Urlaub und Schneesturm Nummer 3

Ein paar Tage 'Urlaub vom Urlaub'.

Wir werden auf die Brauerei Copper Club im Städtchen Fruita aufmerksam, weil ich vor deren Türe von einer Gruppe junger Leute ein Stück Pizza angeboten bekomme, während Ilkay im Radladen nebenan nach einem Campingspot fragt. Dankend nehme ich das Pizzastück entgegen. Wir haben einen dieser "unsere-Lebensmittel-sind aus-deswegen-gibt-es-nur-noch-Müsliriegel-Tage" hinter uns. Neben der Türe des Copper Club hängt ein Schild, das verkündet, dass hier jeder sein Essen mitbringen kann. Das erklärt, warum der Großteil der Besucher einen Pizzakarton von Dominos vor sich auf dem Tisch liegen hat, obwohl hier ganz offensichtlich keine Pizza verkauft wird. Was für eine grandiose Symbiose zwischen der Brauerei und der Pizzaria nebenan. Mit der Pizza in der Hand begebe ich mich auf die Suche nach meinem Wanderbuddy. Er kommt mir schon wenige Sekunden später entgegen und wir teilen uns das fettige Stück. Danach machen wir das einzig Richtige, nämlich mehr Pizza bestellen und im Copper Club alle sieben Biersorten probieren. Das Bier ist köstlich, besonders das Amber hat es uns angetan. An der Bar kommen wir mit der Besitzerin Michelle ins Gespräch. Sie erzählt von der Brauereigründung, dem Leben in Colorado und ihrem Mann, der der Braumeister des Copper Clubs ist. Wir erzählen von unserer Reise und den ganzen Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben. Irgendwann fragt Ilkay, ob es hier außer dem Campingplatz am Stadtrand - der für unsere wunden Füße viel zu weit entfernt scheint - noch eine andere Möglichkeit zum Zelten gibt. Leider hat der Copper Club keinen Garten, sonst hätten wir dort bleiben können, meint Michelle. Als sie unsere enttäuschten Gesichter sieht, fragt sie kurzerhand den Gast, der uns am nächsten sitzt, ob er nicht einen Vorgarten habe, der sich als Zeltplatz eigne. Wie es der Zufall will hat er einen Vorgarten. Wir bedanken uns überschwänglich bei Michelle und unserem heutigen Gastgeber Rodney, trinken unser Bier aus und folgen dann der Wegbeschreibung zu Rodneys Haus. Er wohnt mit seiner Freundin und einer sehr schüchternen Pitbull Hündin zusammen in einem hübschen Haus aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Wir werden herzlich empfangen und müssen nicht einmal das Zelt aufbauen, sondern dürfen in dem winzigen Gästezimmer unter dem Dach übernachten.

Unsere Bleibe in Fruita. Foto: Ilkay

Unsere Bleibe in Fruita. Foto: Ilkay

Weil die Gegend um Fruita so schön sein soll, beschließen wir am nächsten Tag ohne Gepäck im nahegelegenen Devils Canyon wandern zu gehen. Der Trip ist zwar nicht besonders lang - wir finden Wifi im McDonalds und verlaufen uns danach im falschen Canyon - aber dennoch sehr schön.

Fruita von oben. Foto: Friedi

Fruita von oben. Foto: Friedi

Der falsche Canyon endet in einer Sackgasse. (Nicht für uns) Foto: Friedi

Der falsche Canyon endet in einer Sackgasse. (Nicht für uns) Foto: Friedi

Da kommt man doch bestimmt auch ohne Kletterschuhe hoch! Foto: Ilkay

Da kommt man doch bestimmt auch ohne Kletterschuhe hoch! Foto: Ilkay

Wir, über Fruita. 

Wir, über Fruita. 

Am Nachmittag geht es dann noch einmal in den Copper Club, dieses Mal mit unseren Gastgebern. Es scheint hier Gang und Gebe zu sein, abends einen Abstecher hier her zu unternehmen und so sehen wir einige, uns schon bekannte Gesichter. Weil wir uns bei Rodney und Cathrine so wohl fühlen nehmen wir deren Angebot nur zu gerne an, noch eine zweite Nacht zu bleiben. Eine gute Entscheidung, denn am Abend gibt es sehr leckeres Essen, richtig gesund (mit echtem Gemüse!) und Käse, der nicht wie ein Goldbarren aussieht! Ich schlage dermaßen zu, dass Rodney lachend zu Ilkay meint, er solle sich schnell noch was auf den Teller laden, bevor ich alles vernichte.

Am nächsten Morgen brechen wir bei bestem Wanderwetter auf - es pisst in Strömen. Leider können wir nicht noch eine Nacht in Fruita bleiben, weil wir am kommenden Tag ein Date in Aspen haben. Und zwar mit Trevor, den wir vor einigen Wochen in der Wüste kennengelernt haben. Wir laufen also die 20 Kilometer von Fruita nach Grand Junction und nehmen von dort aus den Greyhoundbus nach Aspen. Der Weg wird zur Tortur. Aus dem strömenden Regen wird noch während wir im Supermarkt unser Mittagessen besorgen ein matschiger Schnee, der auf unseren Ponchos schmilzt, die Schuhe durchweicht und uns eiskalt ins Gesicht weht. Einen Platz für die Mittagpause finden wir auch nicht. Und so verputzen wir eine ganze Packung Mini-Apfelstrudel im Laufen.

Radweg zwischen Fruita und Grand Junction. Foto: Friedi

Radweg zwischen Fruita und Grand Junction. Foto: Friedi

Ilkay läuft blind durch den Schnee. Foto: Friedi

Ilkay läuft blind durch den Schnee. Foto: Friedi

Aspen ist die reichste Stadt Amerikas. Ein Haus kostet hier im Durchschnitt über 1,5 Millionen Dollar, 72 der reichsten Menschen der Welt sollen hier eine Bude besitzen und einen eigenen Flughafen hat das 7000 Einwohner-Städtchen selbstverständlich auch. Zum Glück gibt es auch Normalsterbliche hier, die uns ihre Couch zur Verfügung stellen. Unser Couchsurfing-Host Lee, ein lässiger Typ Mitte 40, wohnt in einer gemütlichen, kleinen Holzhütte, die zu einer Ranch etwas außerhalb von Aspen gehört. Hier verbringen wir die nächsten drei Nächte. Tagsüber gehe ich mit Trevor und Tyler, einem Freund von Trevor snowboarden. Das Skigebiet ist der Wahnsinn. Riesengroß und die Pisten sind menschenleer. Und das Beste: den Skipass bekomme ich von Tylers Freundin Nicole. Ich muss nur das Board und die Boots leihen. Während ich auf der Piste bin unternimmt Ilkay eine kleine Wanderumg zu einem See, der 11km von der Ranch entfernt liegt. Verpflegung nimmt er natürlich keine mit. "Ich hab Schnee gegessen", verkündet er ganz stolz, bevor er total ausgetrocknet gläserweise Wasser in sich reinschüttet.

Ilkays Tour auf den Berg. 

Ilkays Tour auf den Berg. 

Rockies. Foto: Ilkay 

Rockies. Foto: Ilkay 

Im Sessellift in Aspen. Foto: Friedi

Im Sessellift in Aspen. Foto: Friedi

Am nächsten Morgen will Ilkay dann doch auf die Piste. Wir leihen uns Boards und fahren mit der Gondel auf den Berg hoch. Erstaunt zeigt Ilkay auf eine gelbe Schneekanone. "Was ist das denn"? Sessellift ist er auch noch nie gefahren und so kommt es beim Einsteigen fast zu einer Kollision. Das Snowboarden klappt dann aber doch erstaunlich gut. Der kleine Pistenfrischling lernt schnell und kann am Ende des Tages sogar schon Kurven fahren.

In der Gondel. Foto: Friedi

In der Gondel. Foto: Friedi

Zurück auf dem Trail.

Tyler und Nicole, bei denen wir die letzte Nacht in Aspen verbringen, statten uns mit Handwärmeren und einer Survival-Decke aus, bevor wir aufbrechen. Es liegen 45 Kilometer und ein über 12000ft (3687m) hoher Pass zwischen uns und dem nächsten Dorf - der Independence Pass. Die ersten Kilometer werden wir noch ab und zu von einem Auto überholt, bis ein großes Schild "Road Closed" die Straße versperrt. Hier können nur noch Schneemobile fahren, denn der Asphalt ist mit Schnee bedeckt. Wir treffen einige Spaziergänger, die auf dem Highway ihre Hunde ausführen. Nach einer Weile begegnen wir schließlich niemandem mehr. Der Highway windet sich nun steiler den Hang hinauf und mit den nassen Wanderschuhen im matschigen Schnee, wird der Aufstieg immer beschwerlicher. Als wir eine kleine Lichtung mit Picknicktisch finden, beschließen wir direkt neben dem Camping-verboten-Schild unser Zelt aufzuschlagen. Badass. Etwa 100 Meter entfernt windet sich ein klares Flüsschen durch den hohen Schnee. Wir setzen uns auf die Brücke, die über den Fluss führt, kochen unser Abendessen und genießen die letzten Sonnenstrahlen.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Wir kochen auf der Brücke. Foto: Ilkay

Wir kochen auf der Brücke. Foto: Ilkay

Am nächsten Morgen geht es weiter den Berg hoch, 1000 Höhenmeter sind es noch bis zum Pass. Durch den Schnee kommt man kaum vom Fleck. Wir verfluchen die Schneeschuhe, die schwer sind und die wir nur den Berg hochtragen, weil man auf den Schneemobilspuren auch (gut) ohne sie laufen kann. Als sich langsam aber sicher der Sonnenuntergang nähert, beginnen wir daran zu zweifeln, dass wir es heute noch bis nach oben schaffen. Vorallem wissen wir nicht genau, wie weit es noch ist, da der Pass nicht auf unserer Offline-Karte angezeigt wird. Wir sehen nur ziemlich viele Serpentinen. Und die bedeuten meistens, dass es steil ist.

Glücklicherweise kommen uns bald zwei Touren-Skifahrer entgegen. "Bald habt ihr es geschafft. Es ist nur noch etwa eine Meile, bis nach oben!" Gott sei Dank. Viel mehr wäre heute auch nicht mehr drin gewesen. Für die letzte Meile müssen wir dann doch die Schneeschuhe anlegen. Lawinen blockieren den Highway. Hier ist kein Durchkommen mehr für die Schneemobile. Auf dem Pass erwartet uns eine atemberaubende Aussicht und ein prima Zeltplatz. Wir campen zwischen einer zwei Meter hohen Schneewand und einem Klohäuschen.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Mittagspause. Foto: Ilkay

Mittagspause. Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Ilkay auf dem Highway. Foto: Friedi

Ilkay auf dem Highway. Foto: Friedi

Endlich oben.  

Endlich oben.  

Klohäuschen auf dem Pass. Foto: Friedi

Klohäuschen auf dem Pass. Foto: Friedi

Ilkay befüllt die Trinkwasserblase. Foto: Friedi

Ilkay befüllt die Trinkwasserblase. Foto: Friedi

Sobald die Sonne untergeht wird es zäh. Alle Pfützen gefrieren innerhalb weniger Minuten und ein starker Wind kommt auf. Er bläst den Schnee über die Kante zu uns in die Senke hinab und bedeckt nach einiger Zeit sogar die Schuhe im Vorzelt. Am nächsten Morgen wird der Wind zu einem Sturm, der es uns unmöglich macht das Zelt abzubauen. Zum Glück ist das Klohäuschen offen. Wir verfrachten sämtliche Ausrüstung dort hinein, was gar nicht so einfach ist, weil sich sogar dort stellenweise fast ein Meter Schnee angesammelt hat. Da muss wohl jemand die Türe offen gelassen haben. Als das Equipment sicher verstaut ist spüren wir unser Hände und Füße nicht mehr. Man, ist das kalt hier...

Ilkay leidet. Foto: Friedi

Ilkay leidet. Foto: Friedi

Der Abstieg ist hundertmal angenehmer als der Aufsteig. Wir kommen trotz den Schneeschuhen relativ schnell voran und zeitweise reißen sogar die Wolken auf und die Sonne kommt raus. Erst als wir im Tal ankommen und uns zum Tortillas aufwärmen auf dem Highway niederlassen beginnt es erneut zu schneien. Und dieses Mal scheint der Himmel wirklich alle Schleusen geöffnet zu haben. " Da kommt alles runter, was ich in den letzten Jahren in Deutschland vermisst habe", meint Ilkay. Ein wirklich günstiger Zeitpunkt für so einen Schneesturm... Wenn doch wenigstens ein warmer Tee hinterher in Aussicht wäre!

Nach dem Mittagessen stapfen wir weiter und fangen nur wenige Minuten später fast zu schreien an, als wir die Straßensperre sehen, die bedeutet, dass hier wieder Autos fahren dürfen. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Zivilisation und zu einem warmen Hostelbett. Wer weiß, vielleicht komme ich ja doch noch zu einer heißen Tasse Tee.

Meterhoher Schnee bedeckt den Highway. Foto: Ilkay

Meterhoher Schnee bedeckt den Highway. Foto: Ilkay

Ilkay erklimmt den Lavinenhügel. Foto: Friedi

Ilkay erklimmt den Lavinenhügel. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

"May" ... Foto: Friedi

"May" ... Foto: Friedi

Eingeschneit. Foto: Ilkay

Eingeschneit. Foto: Ilkay

Schneehöhe: Ciao Leben. Temperatur: -tausend ciao Leben. Foto: Ilkay

Schneehöhe: Ciao Leben. Temperatur: -tausend ciao Leben. Foto: Ilkay

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Eintrag Nr. 11 - Von Schneestürmen und Pinnacles

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Eintrag Nr. 11 - Von Schneestürmen und Pinnacles

Circleville, das Dorf in dem wir gestrandet sind, besteht, wie fast alle Dörfer hier in Utah, aus einer Main street mit etwa 10 Farmhäusern, einem winzigen Café und einigen Motels, von denen nur ein einziges geöffnet hat. Zu unserem Leidwesen scheint das Office unbesetzt zu sein. Ein Zettel mit dem Namen Kelli und einer Telefonnummer klebt an der Glasscheibe, doch wir haben keinen Handyempfang. Im Haus gegenüber brennt Licht und wir beschließen nach einem funktionstüchtigen Telefon zu fragen. Devon, der freundliche Nachbar, hilft uns Kelli ausfindig zu machen, indem er alle möglichen Leute aus dem Dorf anruft, während wir im Wohnzimmer stehen und versuchen den Teppich des Katalog-Hauses nicht übermäßig mit Dreckklümpchen zu beschmutzen. Nach 20 Minuten trifft Kelli am Motel ein. Sie ist äußerst sympathisch und sehr an unserem Trip interessiert. Wir bekommen 20% Rabatt auf das Zimmer und am nächsten Morgen ein herrliches Frühstück. Außerdem bietet sie uns, weil wir so kaputt und bedürftig aussehen, eine Gratis-Nacht an, die wir nur zu gerne in Anspruch nehmen. Nach dem Ruhetag im Motel geht es auf dem Highway nach Antimony. Hier treffen wir einen Cowboy in unserem Alter, der mit seinem, nach Verwesung stinkenden Hund (er hat sich in etwas Totem gewälzt) den Schotterweg in die Berge hochfährt, um seinen freien Tag zu genießen. Gemeinsam machen wir ein Lagerfeuer, trinken Bier und der Cowboy erzählt uns ziemlich viele Geschichten, die fast alle damit enden, dass er einen großen, starken Typen verprügelt.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Kaputter Bus neben kaputter Tankstelle. Foto: Ilkay 

Kaputter Bus neben kaputter Tankstelle. Foto: Ilkay 

Schade, dass unsere Kletterschuhe zu Hause liegen. Foto: Ilkay

Schade, dass unsere Kletterschuhe zu Hause liegen. Foto: Ilkay

Friedi ist unter die stone hunter gegangen. Foto: Ilkay

Friedi ist unter die stone hunter gegangen. Foto: Ilkay

Schöne Steine, schöne Farben. Foto: Friedi

Schöne Steine, schöne Farben. Foto: Friedi

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Die nächsten zwei Tage werden hart. Es geht direkt tausend Höhenmeter hinauf und bald ist es wieder so kalt, dass Schnee unseren Weg bedeckt. Da bleibt uns nichts anderes übrig als die Schneeschuhe anzuziehen. Die Dinger gehen uns wirklich gewaltig auf die Nerven. Oben auf dem Berg erwartet uns glücklicherweise ein Hochplateau, auf dem wir schneller vorankommen, als gedacht. Das einzige Problem ist der Wind, der von Minute zu Minute stärker wird und immer dickere, schwärzere Wolken in unsere Richtung treibt. Schon bald beginnt es zu schneien und hageln und wir kämpfen uns immer weiter vorwärts. Als es Zeit wird das Zelt aufzubauen finden wir eine relativ geschützte Stelle neben einer Baumgruppe. Hier windet es zwar nicht ganz so stark, aber die Temperaturen sinken in der Nacht dennoch auf -8 Grad im Vorzelt und dort ist es meist immer noch wärmer als draußen. Die Kälte kriecht von unten durch die Isomatten und durch unseren Atem gefrieren die Zeltwände und unsere Schlafsäcke. Ganz schön ungemütlich! Sogar Ilkay friert in seiner zu kurzen (langen) Unterhose und den Wollsocken, die er nachts immer trägt.

Ganz schön steil hier! Foto: Friedi

Ganz schön steil hier! Foto: Friedi

Noch ist die Stimmung gut. Foto: Ilkay

Noch ist die Stimmung gut. Foto: Ilkay

Weltuntergang auf 2800m Höhe. Foto: Ilkay

Weltuntergang auf 2800m Höhe. Foto: Ilkay

Jetzt ist die Stimmung nicht mehr ganz so gut. Foto: Ilkay

Jetzt ist die Stimmung nicht mehr ganz so gut. Foto: Ilkay

Ilkay im Schneesturm. Foto: Friedi

Ilkay im Schneesturm. Foto: Friedi

Am nächsten Morgen beschließen wir die 25km Luftlinie nach Loa so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Nur keine weitere Nacht in dieser Kälte! Es geht weiter über das Hochplateau und dann sanft abwärts ins nächste Tal. Mit jedem Höhenmeter wird es wärmer und schon nach etwa 10 Kilometern können wir die Schneeschuhe wieder in unseren Rucksäcke verstauen.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Erst am Abend erreichen wir die Stadt Loa und stellen enttäuscht fest, dass wir hier weder etwas zu essen noch einen günstigen Schlafplatz bekommen. Ein winziger Mexikaner, den wir auf der Straße ansprechen, fährt uns glücklicherweise nach Torrey, das einige Meilen weiter östlich liegt. Hier bekommen wir eine Pizza, die zwanzig Dollar kostet und auf einem Pappteller serviert wird. Unglaublich was für unmögliche Sachen hier möglich sind. Die Nacht verbringen wir hinter der Pizzeria am Rande des Capitol Reef Nationalparks.

Schafe in Loa. Foto: Friedi

Schafe in Loa. Foto: Friedi

Unser Schlafplatz hinter der Pappteller-Pizzeria. Foto: Ilkay

Unser Schlafplatz hinter der Pappteller-Pizzeria. Foto: Ilkay

Der Nationalpark ist weniger populär, als beispielsweise der Yosemite Park oder der Bryce Canyon aber auch sehr schön. Man passiert einige historische Stätten, wie das Örtchen Fruita, das im 19. Jahrhundert von mormonischen Siedlern gegründet wurde. Besonders das Schulhaus gefällt uns, da es etwa die Größe eines kleinen Wohnzimmers hat und komplett aus Holz besteht. Auch die Obstplantagen aus der frühen Siedlerzeit sind erhalten. Sie blühen im Moment und bilden einen krassen Kontrast zu den hochaufragenden, roten Gesteinsformationen. Außerdem sind an den Steinwänden einige Petroglyphen zu finden, die aus der Zeit zwischen 600 und 1300 n. Chr. stammen.

Wir durchqueren den Nationalpark und zelten auf der anderen Seite auf einem Schotterweg.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Das winzige Schulhaus von Fruita. Foto: Ilkay

Das winzige Schulhaus von Fruita. Foto: Ilkay

Die Landschaft ist, seit wir den Nationalpark verlassen haben nicht mehr so schön und wir haben bis nach Cainville etwa 17km vor uns. Ein ganz schöner Gewaltmarsch, wenn man bedenkt, dass wir dort erst unsere Mittagspause machen wollen. Nach 13km hält ein Auto und eine Frau ruft aus dem Fenster: "You guys wanna ride?" Klar, wollen wir mitfahren, ich bin am verhungern! Das Auto ist klein und so voll, dass wir mit unserem Gepäck kaum hineinpassen, wobei unsere Fahrerin alleine den linken vorderen Teil des Autos mit ihrer Körpermasse ausfüllt. Wir erklären ihr, dass wir gar nicht lange mitfahren wollen, nur bis Cainville, das etwa 4km entfernt sein müsste. Eine viertel Stunde hält sie in Hanksville. Cainville scheinen wir verpasst zu haben - wie verflucht klein manche Dörfer hier sind...

Unsere Fahrerin hält also vor einer Tankstelle am Rand von Hanksville und zeigt mit ihrem speckigen Zeigefinger auf ein Haus am Hang, 50 Meter entfernt. "It's a good Restaurant.", sagt sie, während wir aus dem Wagen steigen und unser Gepäck aus dem vollgestopften Kofferraum zerren. Wir bedanken uns fürs Mitnehmen und den Restaurant-Tipp und verabschieden uns. Ich muss meinen Reisebegleiter nicht einmal anschauen, um zu wissen, was wir beide jetzt wollen. Nämlich den Burger bei "Blondies" probieren, der auf dem Schild über der Tür als "world famous" angepriesen wird. Als wir die Tür des Lokals öffnen wollen, wird diese von innen aufgestoßen und ein braungebrannter Typ mit strohblondem, langem Haar hält sie uns einladend auf. Was für ein Service. Er hat knallgelbe Crocs an. Kletterer - denke ich, die tragen die Dinger immer in ihrer Freizeit. Aber auf jeden Fall eine abgefahrene Farbe, dieses Sonnengelb. Die werden wohl nur von den goldenen Crocs getoppt, die meine Mama mal für den Garten gekauft hat. "Wollt ihr später mitfahren?" fragt uns der blonde Typ. "Äh", antworten wir. "Wohin?". Das scheint er selber nicht so genau zu wissen, aber wir wissen schließlich auch nicht wohin wir wollen. Also stimmen wir zu und sind gespannt, wo es uns hinverschlägt. Während dem Essen kommen wir ins Gespräch. Jason und Trevor sind tatsächlich zum Klettern und Canyoning nach Utah gekommen. Sie übernachten unter freiem Himmel und bleiben wo es ihnen gefällt. Die beiden sind uns auf Anhieb sympathisch. Wir beschließen einfach mitzugehen und eine Weile bei den beiden zu bleiben. Nach dem Essen holt uns eine Freundin von Jason vor dem Restaurant ab, weil Trevors Auto so vollgestopft ist, dass nicht einmal unsere Rucksäcke reinpassen und kutschiert uns erst zum Supermarkt und dann weiter in die Wüste. Im Supermarkt gibt es zu unserem Leidwesen nur Light-Bier. In Utah darf nämlich nur Bier mit einem Alkoholgehalt bis 3,5% verkauft werden. Schmeckt nach Wasser mit Biergeschmack. Wir kaufen daher vorsorglich einen 30er Pack. Kurze Zeit später biegen wir mit unseren Einkäufen vom Highway auf einen Feldweg ab. Er führt an einigen hohen Steinsäulen (Pinnacles) vorbei, immer weiter in die Wüste. Neben einem der Pinnacles parken wir das Auto und schlagen bei starkem Wind unser Zelt auf. Der feine Wüstensand bedeckt bald unser komplettes Equipment, sammelt sich in den Rucksäcken und lässt unsere Haut noch brauner werden, als sie sowieso schon ist. Um dem Sand nicht dauerhaft ausgesetzt zu sein, setzen wir uns mit Trevor hinter das Auto, während Jason mit seiner Freundin im Auto bleibt und redet. Er lässt die Scheibe runter und ruft ziemlich unerwartet, dass er jetzt Pizza holen will, obwohl wir eigentlich genug eingekauft haben. Trevor schüttelt nur den Kopf und meint, dass so etwas öfter vorkommt, wenn die beiden zusammen unterwegs sind.

Jason und seine Freundin kommen erst Stunden später zurück. Natürlich ohne Pizza.

Trevor und Friedi beim klettern. Foto: Ilkay

Trevor und Friedi beim klettern. Foto: Ilkay

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Trevor beim klettern. Foto: Ilkay

Trevor beim klettern. Foto: Ilkay

Trevors Auto. Foto: Ilkay

Trevors Auto. Foto: Ilkay

Am nächsten Morgen müssen wir ziemlich lange auf Jasons Freundin warten. Ohne sie kommen wir nicht von der Stelle, denn die Musik, die wir am Abend über die Lautsprecher gehört haben, hat die Auto-Batterie gekillt. Zum Glück ist es warm und es gibt viel zu sehen. Wir klettern ein wenig an den Pinnacles und genießen die Stille in der Wüste. Anschließend geht es nochmal ins Blondies zum späten Mittagessen. Wir verabschieden uns ziemlich genau 24h nachdem wir uns kennengelernt haben. Der Abschied ist unerwartet schwer. Wir haben auf unserem Trip zwar schon sehr viele nette Leute getroffen, aber mit den beiden wären wir wirklich gern noch weiter durch die Canyons gezogen. Vielleicht müssen wir uns doch noch ein paar Kletterschuhe kaufen...

Pinnacles von oben. Foto: Friedi

Pinnacles von oben. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Vor Blondies. Foto: Ilkay

Vor Blondies. Foto: Ilkay

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Eintrag Nr. 09 - Von endlosen Highways und echten Cowboys

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Eintrag Nr. 09 - Von endlosen Highways und echten Cowboys

Jetzt sind wir also bei der amerikanischen Polizei registriert, trampen scheint verboten zu sein und es gibt keine andere Möglichkeit der Stadt Fallon zu entfliehen. Ein guter Start.

Etwa 10 Meilen vor der Stadtgrenze soll es noch eine letzten Tankstelle geben, bevor es in die Wüste geht. Dort, so hoffen wir, tanken diejenigen, die nach Austin, Eureka oder Ely fahren. Mit einem mulmigen Gefühl und in der Hoffnung den Polizisten vom Vortag nicht noch einmal zu begegnen laufen wir in Richtung Tankstelle. Unsere Sorgen sind unbegründet. Kaum ein Auto fährt vorbei und wir erreichen das winzige Häuschen mit der einen, dazugehörigen Tanksäule zwei Stunden später.

Die beiden Verkäuferinnen, die erst kritisch unsere Rucksäcke mustern, entpuppen sich als sehr hilfsbereit. Sie bieten an alle Kunden nach Ihrem Fahrziel zu befragen, während wir im Picknickareal warten und unsere Cookies essen sollen. Es gibt noch einen Gratiskaffee und zwei Stempelheftchen. "In das Heftchen könnt ihr in Austin, Ely und so weiter Stempel eintragen lassen, die bezeugen, dass ihr den Highway 50 - the loneliest road in America, überlebt habt." Die Verkäuferin lacht und schlägt schwungvoll die ersten Stempel in unsere Heftchen. Wir bedanken uns und verziehen uns zu den Picknicktischen.

Stempelheftchen für den Highway 50. Foto: Friedi

Stempelheftchen für den Highway 50. Foto: Friedi

Während wir unsere Kekse in den heißen Kaffee tauchen überlege ich kritisch ob das so funktionieren kann. Rumzusitzen und untätig abzuwarten, während die beiden Verkäuferinnen sich um unsere Mitfahrgelegenheit kümmern erscheint mir doch sehr unsicher. "Lass uns eine Stunde abwarten, bevor wir das Ruder wieder selbst in die Hand nehmen", sage ich zu Ilkay. Er stimmt zu und wir tauchen einen weiteren Cookie in den Kaffee. Noch während wir schmatzen fährt ein ramponierter Pickup vor. Da würden der deutsche TÜV nur die Augen aufreißen und entsetzt den Kopf schütteln. "Ihr könnt mitfahren, also wenn ihr wollt. Wir haben jetzt nicht so viel Platz, aber ja, schmeißt die Sachen hinten rein und dann springt auf." So ungefähr begrüßt uns ein junger Typ. Er nuschelt ein Wenig und weiß wohl selbst nicht so genau, wie er sich das Ganze vorgestellt hat, sodass wir erstmal ziemlich verwirrt schauen und eine peinliche Pause entsteht, bevor wir zu ihm und seiner Freundin auf den Vordersitz klettern. Es ist eng im Dreisitzer und die Heizung läuft auf Hochtouren- scheint kaputt zu sein.

Der einsame Highway 50 führt uns an einer riesigen Düne vorbei, dem Sandmountain und dann immer weiter durch dürre, salzverkrustete Täler und über hohe Gebirgskette. Und wir dachten Nevada wäre flach und sandig. Nach 45 Meilen halten wir an einem Saloon in the middle of nowhere- Middlegate. Hier ist es einfach nur cool. Die Hütten sind aus Holz und ein alter Wagen steht auf dem Hof. Der Barkeeper ist um die 60 und trägt einen Cowboyhut. Wir fühlen uns ins Zeitalter des Wilden Westens versetzt und bestellen erstmal vier Bier. Man, hier könnte ich die nächsten Tage mit Nichtstun verbringen, so schön ist das.

Middlegate. Foto: Friedi

Middlegate. Foto: Friedi

Die gas station von Middlegate. Foto: Friedi

Die gas station von Middlegate. Foto: Friedi

Nach dem Bier geht es auf dem alten Highway 50 weiter Richtung Osten. Unser Fahrer hat ziemlich viel Bier dabei, das bei den Temperaturen schneller schwindet als wir zählen können. Die leeren Flaschen fliegen einfach durch das Rückfenster (ich habe mich schon gefragt, wieso man da ein Fenster einbaut) und landen auf der Pritsche des Pickups. In Austin, dem Ziel unserer Fahrt, sind wir knülle und gehen erstmal zu viert Burger essen, den bisher besten unserer Reise. Sogar Ilkay isst munter, obwohl die Besitzer des Diners ganz offensichtlich Trump wählen. Nach dem Essen trennen sich leider unsere Wege, denn die Beiden wollen noch in den Bergen angeln gehen. Wir verabschieden uns und bedauern ein Wenig, dass wir weiter nach Ely müssen.

Der Pickup. Foto: Ilkay  

Der Pickup. Foto: Ilkay  

Wir halten mitten auf der Straße und warten, während Ilkay 3 Wochen lang den Highway fotografiert. Foto: Ilkay  

Wir halten mitten auf der Straße und warten, während Ilkay 3 Wochen lang den Highway fotografiert. Foto: Ilkay  

Auf dem Weg nach Austin. Foto: Ilkay  

Auf dem Weg nach Austin. Foto: Ilkay  

Austin liegt mitten in den Bergen, es bläßt ein kühler Wind und wir beschließen an der Straße entlang zu laufen, um beim Trampen nicht unnötig herum zu stehen. Das achte Fahrzeug, das an uns vorbei rauscht, ist ein DeLorean DMC-12, das Auto aus "Zurück in die Zukunft" wie Ilkay mir ganz aus dem Häuschen erklärt. Es hat sogar die gleichen Aufbauten wie im Film. Was hier für Bildungslücken gefüllt werden - unglaublich. Nach etwas mehr als einer Stunde hält ein Ehepaar, das in Ely wohnt und uns mitnimmt. Es dämmert bereits und wir hätten nie gedacht, dass bei dem geringen Verkehrsaufkommen noch jemand anhält. Wir haben eben wirklich ein verdammtes Glück. Erschöpft schlafen wir beide auf der Rücksitzbank ein und bekommen nicht mit, wie die Frau unseres Fahrers alle Motels in Ely abtelefoniert, um das günstigste für uns herauszusuchen. Wir werden bis vor das Office gefahren und bekommen ein Zimmer für 30 Dollar. Danke liebes Schicksal.

Unser Motelzimmer in Ely. Foto: Friedi

Unser Motelzimmer in Ely. Foto: Friedi

Am nächsten Morgen gehen wir einkaufen, holen uns an der Tankstelle den Ely-Stempel ab und laufen dann weiter am Highway 50 entlang. Die Etappe ist eher weniger spannend. Die Straße biegt auf den kommenden 23 Kilometern genau einmal ab und es ist schon dunkel, als wir in die Nähe des Campgrounds kommen, den wir als Schlafplatz angedacht haben. Plötzlich hält ein Auto neben uns. Ein Ranger begrüßt uns und erkennt gleich, dass wir auf dem American Discovery Trail unterwegs sind. "Wollt ihr mit zum Campingplatz fahren oder habt ihr euch in den Kopf gesetzt das ganze verdammte Ding zu laufen?" Wir fahren mit und erklären ihm, dass wir gar nicht genug Zeit haben, das ganze verdammte Ding zu laufen. Weil es dunkel und ziemlich kalt ist bringt der Ranger uns Feuerholz, während wir das Zelt aufbauen. Er zeigt uns wie ein echter Ranger Feuer macht und bittet und dazu gute 10 Schritte nach hinten zu treten. Auch der Tisch und unser Equipment müssen weichen, während der Ranger, jeder Pfadfinder würde stöhnen, einen Benzinkanister zückt und den kleinen Holzberg in die Luft jagt.

Badass. Foto: Friedi

Badass. Foto: Friedi

Kleine Pause. Foto: Ilkay

Kleine Pause. Foto: Ilkay

Die nächsten zwei Tage überqueren wir eine Gebirgskette und ein Tal, das von einem schnurgeraden Highway durchzogen ist. An Straßen solcher Art laufen wir besonders gerne entlang. "Friedi, fokussier mal einen Punkt am Horizont und lauf dann ganz ruhig gerade aus. Da passiert gar nichts. Als würde man auf der Stelle treten." ...

Ohne Worte. Foto: Friedi

Ohne Worte. Foto: Friedi

Nach drei Tagen, der letzte ist ziemlich anstrengend, da uns die Nahrungsmittel ausgehen erreichen wir Baker. Mein Bauch fühlt sich an, als hätte jemand die ganze Candy-Abteilung eines Supermarktes darin ausgeleert und kräftig geschüttelt. Er hat heute nur süßes Oatmeal, zuckrige Riegel und eine ganze Menge Gummibärchen gesehen. Wir brauchen dringend etwas Richtiges zu essen, aber Baker besteht nur aus drei Farmhäusern und einem Restaurant, das Montag, Dienstag und Mittwoch geschlossen hat. Es ist Mittwoch. Deswegen lassen wir es uns nicht zweimal sagen, als ein Handwerker uns aus seinem Truck heraus anbietet uns nach Boarder Inn zu fahren, einem Restaurant/Motel/Tankstelle etwa 10 Meilen entfernt. Es gibt wieder Burger (hier muss zu unserer Verteidigung gesagt werden, dass auf der Speisekarte meist nur Burger und Sandwiches angeboten werden) bevor wir uns auf den Zelt-Bereich hinter dem Haus zurückziehen. Am nächsten Morgen beschließen wir nach Garrison, dem Nachbardorf von Baker zu laufen und dort auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, die uns nach Beaver bringt. 10 Stunden später stehen wir immer noch an der Straße. Das war wohl nichts heute. Wir stellen uns schon auf eine Nachtwanderung zurück zum Boarder Inn ein, als ein roter Truck angefahren kommt und neben uns hält. Ob wir rüber gefahren werden wollen, fragt eine nette Frau, während ihr Ehemann nur die Augenbrauen hochzieht und etwas Unverständliches in sich hinein grummelt. Der sieht nicht gerade erfreut aus. Egal, alles ist besser als noch länger auf der Straße zu stehen und wir dürfen hinten auf der Ladefläche des Trucks mitfahren! Am Boarder Inn fragt uns die Frau was wir eigentlich genau vorhaben. Als wir erklären, dass wir nur etwas essen wollen und dann das Zelt aufschlagen rollt sie mit den Augen. "Wir dachten ihr wollt hier in einem Zimmer übernachten. Wenn ihr ein Zelt habt ist das ja Alles kein Problem. Essen gibt es bei uns zu Hause. Rauf mit euch auf die Ladefläche, ihr zeltet bei uns im Garten. Mein Mann fährt euch morgen nach Beaver!" Sie duldet keine Widerrede. Wir fahren also die ganze Strecke wieder zurück nach Garrison und parken exakt vor dem Haus, vor dem wir schon den ganzen Tag auf ein Mitfahrgelegenheit gewartet haben.

Ich fasse es nicht, die wollen uns tatsächlich nach Beaver fahren. 114 Meilen, das sind 183 Kilometer! Außerdem bekommen wir ein richtig leckeres Abendessen, bestehend aus Ofenkartoffeln mit Mais und selbstgeschossenem Wild. Unser Gastgeber, der sich als ein grummeliger aber ziemlich cooler Typ herausstellt, ist leidenschaftlicher Jäger und ein echter Cowboy im Ruhestand. Er erzählt von seinen Trophäen, die an dem Wänden hängen und erklärt uns ausführlich die unterschiedlichen Disziplinen von Rodeo. Und ich dachte Rodeo wäre dieser Plastik-Bulle auf dem Jahrmarkt, der sich im Kreis dreht und seinen Reiter irgendwann abwirft.

Schrottplatz in den Bergen. Foto: Ilkay

Schrottplatz in den Bergen. Foto: Ilkay

Der Schnee hier oben ist tiefer als gedacht. Foto: Ilkay  

Der Schnee hier oben ist tiefer als gedacht. Foto: Ilkay  

Lagerfeuer im Schnee. Foto: Friedi

Lagerfeuer im Schnee. Foto: Friedi

Auf dem Weg nach Baker. Foto: Friedi

Auf dem Weg nach Baker. Foto: Friedi

Zum Glück können wir hier Schnee schmelzen, das Wasser ist knapp. Foto: Friedi

Zum Glück können wir hier Schnee schmelzen, das Wasser ist knapp. Foto: Friedi

Mittagessen. Foto: Friedi

Mittagessen. Foto: Friedi

Nach einer kalten Nacht im Zelt werden wir von Kindergeschrei geweckt. Die Tochter unserer Gastgeber erscheint mit Kind und Kegel, um einige Sachen abzuholen und die Großeltern zu besuchen. Sie sind alle zum Frühstück eingeplant, haben jedoch auf der Fahrt schon gegessen und so verdrücken Ilkay und ich köstliche Pancakes, Kartoffelpuffer, Rührei und Leber. Ein Essen für 6 Personen. Danach fährt die ganze Familie weiter nach Delta, während unser Gastgeber mit uns Beiden zurück bleibt. Er zeigt Ilkay im Schlafzimmer seine beachtliche Waffensammlung und fragt, nachdem er merkt wie begeistert Ilkay bei der Sache ist, ob wir sofort nach Beaver wollen oder ob wir noch etwas Zeit haben.

Was dann passiert ist lasse ich lieber den Ilkay erzählen.

Nur so viel. Es knallt.

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Eintrag Nr. 07 - Vom American River, jeder Menge Schnee und rosa Schrotflinten in Reno

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Eintrag Nr. 07 - Vom American River, jeder Menge Schnee und rosa Schrotflinten in Reno

Am Nachmittag nach dem Shoppingbummel in Auburn, bei dem Ilkay ein Vlies im Holzfeller-Look erworben hat (er ist ganz stolz), brechen wir Richtung Foresthill auf. Die Landschaft wird rauer und hügeliger und nach einem ziemlich langen und kurvigen Abstieg stehen wir plötzlich vor dem Middle Fork des American Rivers. Wow. Der Fluss ist wirklich schön. Er hat eine tiefblaue Farbe und ist unglaublich klar. Ich sehne mich danach hineinzuspringen und mich zu waschen. Ilkay scheint es genauso zu gehen, denn er schielt immer wieder zum Wasser rüber, schnuppert an sich, verzieht das Gesicht und ist enttäuscht, als der Trail uns immer weiter nach oben führt, sodass wir das Zelt schließlich ungebadet auf einer Plattform 100 Meter oberhalb des Flusses aufbauen müssen. Wenigstens gibt es hier keine Koyoten und der Sonnenuntergang ist atemberaubend.

Middle Fork des American Rivers. Foto: Ilkay

Middle Fork des American Rivers. Foto: Ilkay

Nachthimmel am American River. Foto: Ilkay

Nachthimmel am American River. Foto: Ilkay

Am nächsten Mittag kommen wir dann endlich zu der langersehnten "Dusche". Mehr als 13 Grad kann das Wasser aber nicht haben, denn die Füße fangen schon nach wenigen Sekunden zu brennen an. Bloß nicht nachdenken, kurz reinhüpfen , abschrubben und dann wieder raus, denke ich. Als ich bibbernd auftauche steht Ilkay immer noch bis zu den Knien im Wasser. "Ich hab einen Gehirnfrost", sagt er. "Der ist, glaub ich, über meine Füße hoch zum Kopf gewandert."

Nach dem Baden am Fluss. Foto: Ilkay

Nach dem Baden am Fluss. Foto: Ilkay

Das Baden hat uns träge gemacht. Wir liegen faul in der Sonne, warten bis unsere Klamotten, das Zelt und unsere Schlafsäcke trocken sind und essen unterdessen Unmengen Tortilla-Fladenbrote, die wir mit allem belegen was wir haben. Käse, Schokolade, Nüsse, getrocknete Mangos. Da wir am Tag zuvor einkaufen waren, gibt es sogar noch eine Banane, die zusammen mit der geschmolzenen Schokolade und dem Fladenbrot wie Bananen-Crèpes schmeckt. Über was man sich freuen kann wenn man richtig hungrig ist... Nach der Mittagspause am American River geht es, man glaubt es kaum, den ganzen Hügel wieder rauf. Der Pfad ist schmal und führt ausschließlich durch dicht bewachsenes Gelände. Es dämmert und ich finde den Wald ein bisschen gruselig. Seltsam, dass man sich immer nach Freiheit und unberührter Natur sehnt und wenn man mittendrin steckt, beginnt man sich Gedanken über Bären zu machen und freut sich auf das nächste Café mit Wlan.

Wir übernachten mitten im Wald und tragen zum ersten Mal unsere Lebensmittel in einem wasserdichten Sack ein Stück vom Lager weg, um die Tiere nicht abzulocken. Wer weiß, was hier nachts des Wegs kommt. Ist das hier eigentlich schon Bärengebiet?

Als wir aufwachen ist es unerwartet warm. Wir schauen nach oben und sehen dicke Wolken über uns, es sieht nach Regen aus. Zum Glück sind es nur noch 15 Kilometer nach Foresthill und das Zelt ist schon sicher verstaut, als es zu tröpfeln beginnt. Nach dem Aufstieg am Abend müsste es jetzt im Prinzip nur noch an der Höhenlinie entlang gehen. Aber Foresthill würde wohl nicht Foresthill heißen, wäre es nicht wirklich ganz weit oben auf einem Hill, mitten im Forest. Wir stapfen also weiter fröhlich den Berg hinauf und sind ganz schön platt und hungrig, als wir oben ankommen. Direkt an der Hauptstraße befindet sich die Ranger-Station, die für das ganze Waldareal in der Umgebung zuständig ist. Da wir den Sierras schon ziemlich nahe sind und nicht wissen wie viel Schnee dort liegt, beschließen wir uns nach dem Wetter zu erkundigen. Der Ranger, ein gut aussehender, bärtiger Typ Mitte 30 teilt uns bedauernd mit, dass es nur wenige Meilen weiter nördlich in der kommenden Nacht 30cm Neuschnee geben soll und die Sierras zu Fuß im Moment unpassierbar sind. Zum Glück haben wir nachgefragt... "Alternativ könntet ihr der Yankee Jims Road folgen, die nach Colefax führt. Von dort aus fahren die Busse nach Truckee oder Reno!" erklärt uns der Ranger. Was bleibt uns anderes übrig. Die Yankee Jims stellt sich als eine schöne, ungeteerte, alte Verbindungsstraße heraus, die in ein Tal hinabführt und dort den North Fork des American Rivers überquert. Es gibt sogar eine Hängebrücke, die wippt, wenn man hüpft und einen Höllenlärm macht, wenn ein Auto darüber fährt. Weil uns der Fluss gut gefällt und sich das Ufer als Lagerplatz anbietet, beschließen wir unser Zelt in der Nähe des Wassers aufzubauen.

Die Hängebrücke. Foto: Friedi

Die Hängebrücke. Foto: Friedi

D'Artagnan auf der Hängebrücke. Foto: Friedi

D'Artagnan auf der Hängebrücke. Foto: Friedi

Unser Lagerplatz am Ufer des American Rivers. Foto: Ilkay

Unser Lagerplatz am Ufer des American Rivers. Foto: Ilkay

Was weiter nördlich in Form von Schnee vom Himmel kommt erwischt uns in der kommenden Nacht eiskalt. Es regnet ohne Unterlass und so stark, dass wir Angst haben unser Zelt könnte absaufen. Ilkay rutscht immer weiter zu mir rüber. Die Fläche auf der unser Zelt steht ist leicht abschüssig und auf seiner Seite kommt langsam aber sicher immer mehr Wasser durch den Zeltboden. Alles wird nass.

Wir trösten und mit dem Gedanken, dass wir am Abend ein günstiges, warmes Hostelzimmer in Truckee haben werden und dort alle Sachen trocknen können. Von wegen. Truckee stellt sich als Skiort mit Schweizer Preisen heraus. Es gibt eine Pizza zum Abendessen, weil wir hier zwischen Bars und überteuerten Boutiquen schlecht unseren Kocher auspacken können und ein Hotelzimmer für 100$ pro Nacht. Wer konnte denn auch ahnen, dass hier gerade Skiferien sind. Enttäuscht und mit leeren Geldbeuteln nehmen wir am nächsten Morgen den Bus nach Reno. Hier in Truckee liegt nämlich auch Schnee und der macht das Wandern und vor allem das Übernachten im Zelt unmöglich. Das einzig gute an der Irrfahrt nach Truckee war wohl, dass wir uns beim Couchsurfing-Portal angemeldet und so eine Schlafgelegenheit in Reno gefunden haben. Die Busfahrt dort hin dauert keine 40 Minuten und führt uns durch die wunderschönen, eingeschneiten Sierras. Man, da verpassen wir wirklich was. Hier zu wandern wäre bestimmt unglaublich gewesen.

Friedi im Greyhound Bus. Foto: Ilkay

Friedi im Greyhound Bus. Foto: Ilkay

Sierra Nevada. Foto: Friedi

Sierra Nevada. Foto: Friedi

In der Stadt erwartet uns eine bizarre Mischung aus Casinos und Obdachlosen, wie man sie in den meisten amerikanischen Großstädten findet. Vor allem am Busbahnhof werden wir beäugt und wünschen uns schnell die Kameras wären in den Rucksäcken verstaut. Nach 10 Minuten kommt der Bus, der uns nach Sparks bringt, wo unser Couchsurfer wohnen soll. Wir haben noch ein bisschen Zeit, weil er bis 17 Uhr arbeitet und überlegen gerade wie wir die restlichen drei Stunden totschlagen sollen, als Ilkay auf seinem iPad den Weg nachschaut. "Puh, Friedi...das sind irgendwie immer noch 13km zu Matthew. Der scheint nicht in Sparks zu wohnen sondern ein ganzes Stück weiter nördlich!" Uns bleibt nichts anderes übrig als den Weg zu Fuß zu gehen, denn wer so weit außerhalb wohnt hat immer ein Auto. Oder fünf. Busse fahren hier eher keine. An einer großen Straße finden wir einen Donut-Laden, in den wir eigentlich nur reingehen, um die Toilette zu benutzen. Da der einzige Gast und der Verkäufer aber sehr nett sind, verbringen wir fast zwei Stunden dort und bekommen am Ende sogar noch eine Tüte Gratis-Donuts mit auf den Weg. Man bin ich voll! So viele Donuts habe ich noch nie gegessen.

Als wir endlich bei unserem Couchsurfer ankommen ist es schon dunkel. Wir werden mit Taccos verwöhnt und bekommen ein riesiges Bett und ein eigenes Bad. Das ist hier eher wie Bed & Breakfast, als Couchsurfing! Wir dürfen sogar unsere Wäsche waschen und werden am nächsten Tag zur Mall kutschiert, in der Ilkay neue Stiefel kauft. Jetzt sind wir voll auf Salomon Boots unterwegs. Matthew finden wir nach dem Bezahlen der Boots eine Etage höher in der Waffenabteilung. Sie scheint die beliebteste der ganzen Mall zu sein. Man fühlt sich wie auf dem Wasen an der Schießbude. Hie bekommen schon die Kleinsten eine BB-Gun in die Hand gedrückt und üben an Plastikgänsen und anderen Utensilien, die an einer Wand hängen das Schießen. Ganz schön skurril. Matthew drückt mir eine rosa Schrotflinte in die Hand, macht ein Foto und erklärt währenddessen, dass Nevada der Bundesstaat mit den meisten Waffen pro Kopf ist und, dass man die Dinger kaufen kann indem man seinen Führerschein vorzeigt. Ok. Der Ausflug in den Waffenladen geht quasi nahtlos in einen Casino-Besuch über. Hier verzocke ich 20 Dollar von Matthews Bruder, der mit seiner Freundin zu uns stößt. Die beiden sind supernett und laden uns auf ein Bier ein. Dass ich eben innerhalb von wenigen Minuten seine 20 Dollar verspielt habe scheint den Bruder nicht zu stören. Ganz im Gegenteil. Er schiebt weiter 100 Dollar in den Automaten und zieht kurze Zeit später einen Bon über 200 Dollar heraus. Wir werden zum Sushi-Essen eingeladen.

Auf dem Weg zu unserem Couchsurfer. Foto: Ilkay

Auf dem Weg zu unserem Couchsurfer. Foto: Ilkay

Hotel in Reno. Foto: Friedi

Hotel in Reno. Foto: Friedi

Bemalte Hauswand in Reno. Foto: Ilkay

Bemalte Hauswand in Reno. Foto: Ilkay

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Eintrag Nr. 05 - Kojoten, Sonnenstich und wunde Füße

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Eintrag Nr. 05 - Kojoten, Sonnenstich und wunde Füße

6.-10.2.2016

Jeden Abend liegen wir im Zelt und haben absolut keine Kraft mehr etwas anderes zu tun, als zu schlafen. Es ist ja nicht mal spät. Wir schlafen mehr, als wir laufen und das, obwohl wir jeden Morgen um 6 anfangen unsere Rucksäcken zu packen. Ihr seht, nach 18 Uhr geht bei uns nicht mehr viel.

Heute ist Ruhetag und ich sitze hier im wohl schönsten Hostel-Gemeinschaftsraum, den ich je gesehen habe. Jetzt haben wir Zeit. Zeit die Füße auszuruhen, Energie zu tanken, unsere Sachen zu waschen und den Blog zu pflegen. Also versuche ich an Ilkays Oakland-Bericht anzuknüpfen und euch zu erzählen, was wir in den letzten Tagen erlebt haben.

Viel zu schweres Gepäck auf dem Hügel über Oakland. Foto: Friedi

Viel zu schweres Gepäck auf dem Hügel über Oakland. Foto: Friedi

Aussicht über die Bay von San Francisco. Foto: Ilkay

Aussicht über die Bay von San Francisco. Foto: Ilkay

Die Landschaft, die direkt hinter der Bay von San Francisco beginnt ist ganz schön hügelig und großteils mit Gestrüpp überwuchert. Man kann sich das Ganze ein bisschen wie das Hinterland der Toscana vorstellen. Es riecht auch genauso. Wir verlassen Oakland, beziehungsweise Barkley in nordöstliche Richtung. Die Hügelkette, die sich vor uns erstreckt sieht eigentlich gar nicht so hoch aus, bringt uns dann aber doch ganz schön ins Schwitzen. "Mein Gott- und ich dachte ich wäre in guter körperlicher Verfassung." sage ich zu Sarah, die wir auf dem Weg nach oben treffen. Sie lacht: "In Boston bist du es dann!" Sarah ist mit ihrem Freund auf Heimatbesuch, weil ihre Cousine heiratet. Wir unterhalten uns den ganzen Weg hinauf, während sich Ilkay von Papa Dennis erklären lässt was Poison Oak ist. Unsere erste Wander-Bekanntschaft endet damit, dass Sarah uns zu sich einläd und wir den dreien unsere Homepage aufschreiben. "Mit Hilfe von Google-Translate verstehen wir bestimmt auch was ihr gerade erlebt und können nachvollziehen wo ihr steckt!" meint Dennis.

Ich, während Ilkay seine Schuhe neu bindet- Stunden später. Foto: Ilkay  

Ich, während Ilkay seine Schuhe neu bindet- Stunden später. Foto: Ilkay  

Nach etlichen weiteren Hügeln landen wir in einem kleinen Regionalpark, in dem es einen Campground gibt. Im Prinzip ist es nur ein eingezäuntes Stück Wiese mit drei unglaublich hohen Bäumen und ein paar Picknickbänken. Es kostet nichts sein Zelt hier aufzustellen und wir fühlen uns sicher, weil der Zaun uns von Gestüpp und wilden Tieren trennt. Im Zelt schlafe ich sofort ein, während Ilkay die Kojoten heulen hört. Es knackst und raschelt und heult, ich schlafe tief und fest. Am nächsten Morgen bin ich putzmunter. Ilkay hat Augenringe.

Erster Zeltplatz im Briones Regional Park. Foto: Ilkay

Erster Zeltplatz im Briones Regional Park. Foto: Ilkay

Erster Sonnenaufgang im Briones Regional Park. Foto: Friedi

Erster Sonnenaufgang im Briones Regional Park. Foto: Friedi

Das nächste Dorf, das wir erreichen ist Walnut Creek. Wir wissen nicht genau wo sich der Stadtkern befindet und checken gerade die GPS Daten auf meinem Handy, als uns zwei Frauen mittleren Alters ansprechen. "Do you need help?" Puh ja, hätten uns bestimmt gleich zurechtgefunden, aber ein bisschen quatschen und sich den Weg erklären lassen schadet ja nicht. Nach 10 Minuten sind wir nicht nur um eine genaue Wegbeschreibung, sondern auch um eine Einladung zum Kaffee und eine Notfalltelefonnummer reicher. "So habt ihr eine Kontaktperson an der Ost- und eine an der Westküste, nur für alle Fälle! Wenn ihr Hilfe braucht oder einen Rat, ruft einfach an." Mensch, die Leute sind wirklich unglaublich hier. Wir bringen die letzen paar Kilometer zur Stadtmitte hinter uns und missbrauchen dort erstmal die Filiale einer Café-Kette als Rastplatz und Akkuauflade-Zentrale. Neben den 4 Dollar, die unsere beiden Eiskaffees kosten, lassen wir eine bröselige Spur getrockneten Schlamms auf dem Boden des Ladens zurück. An uns haben sich die Besitzer des Cafés bestimmt keine goldene Nase verdient.

Von unserer zweiten Nacht hat Ilkay euch ja bereits im letzten Eintrag erzählt. Wobei ich sagen muss, dass der kleine Zwerg mit der roten Mütze in dieser Nacht gar nicht so gut geschlafen hat. Es hat nämlich so stark gewindet, dass ich die ganze Zeit Angst hatte, das Zelt könnte davonfliegen. Wenigstens müssen wir das Ding am Tag nicht noch einmal aufbauen, um es vom ganzen Kondenzwasser zu befreien, das sich nachts üblicherweise innen an der Zeltwand sammelt. Wäre auch schwierig geworden, denn am folgenden Tag erklimmen wir den 1160m hohen Mt. Diablo auf dessen Spitze es noch viel schlimmer stürmt. Wir sind beide ziemlich platt, als wir oben ankommen und haben leichte Kopfschmerzen und Übelkeit. Meine Diagnose: Sonnenstich. Schade, dass wir die Aussicht deshalb so wenig genießen können. Eigentlich ist es wunderschön hier oben. Auf der einen Seite und schon ziemlich weit entfernt die Bay von San Francisco, auf der anderen Seite und noch viel weiter entfernt die schneebedeckten Berge- Sierra Nevada. Doch bevor wir die Berge erreichen müssen wir erstmal von diesem verfluchten Mt. Diablo runter ohne davongeweht zu werden. Zum Glück verfängt sich der Wind mit jedem Meter, den wir absteigen mehr in den Ästen der Bäume. Auch die Kopfschmerzen werden besser und schlussendlich finden wir im Tal sogar eine eiskalten Bach, der uns nicht nur die müden Füße kühlt, sondern auch den Schweiß von uns und unseren stinkenden Socken wäscht. Frisch gebadet und mit Sicherheit duftend wie kleine Blumenwiesen marschieren wir in Clayton ein. Das verschlafene Kaff sieht bestimmt nicht öfter als einmal im Schaltjahr einen Ausländer und ist übernachtungstechnisch dementsprechend schlecht auf uns vorbereitet. Zum Glück hilft man uns auf dem Polizeirevier weiter. Der Officer beschreibt uns genau, wo er Zelten würde, wäre er auf der Suche nach einem Schlafplatz. Er darf uns natürlich nichts erlauben oder raten. Am nächsten Morgen steht der Officer durch Zufall genau an der Kreuzung, an der unser Trail von der Straße abzweigt. Wirklich verrückt, man trifft sich eben immer zweimal im Leben. Er grinst uns an und fragt, ob wir gut geschlafen haben und ob alles geklappt hat.

Auf dem Mt. Diablo. Foto: Friedi

Auf dem Mt. Diablo. Foto: Friedi

Der erste Aufstieg nach der Nacht in Clayton. Foto: Ilkay

Der erste Aufstieg nach der Nacht in Clayton. Foto: Ilkay

Ein weiterer verrückter Zufall ereignet sich zwei Tage später in Antioch. Hier gibt es eine Brücke, die der gehfaule Amerikaner nur für das Automobil zugelassen hat. Leider ist es die einzige Brücke im Umkreis von 30 Meilen und wir müssen da rüber. Deswegen bleibt uns nichts anderes übrig als den Daumen rauszustrecken und abzuwarten. Keine 15 Minuten später hält eine ziemlich klapprige Karre, die ein Typ mit wettergegerbter Haut fährt, der aussieht, als hätte er seit Jahren weder Dusche noch Friseur gesehen. Wir sind hin und her gerissen, steigen aber ein. Der Typ, der irgendwas mit G heißt, entpuppt sich als wirklich nett. Er legt irgendwelche Leitungen- so einen Slang wie der hat, da versteht man nicht viel. Er lässt uns an einer Kreuzung weiter nördlich raus und düst davon während wir weiter Richtung Isleton laufen.

Hummer in Isleton. Foto: Ilkay

Hummer in Isleton. Foto: Ilkay

Schuhe am Straßenrand von Isleton. Foto: Friedi

Schuhe am Straßenrand von Isleton. Foto: Friedi

Am nächsten Tag und 25km weiter nördlich wird die Straße für uns zur Qual. 30km wären es noch bis Sacramento, auf einer Landstraße ohne Gehweg. Die Autos fahren mit gut 50mph an uns vorbei. Das geben wir uns nicht. Wieder den Daumen raus, 30 Minuten warten, schon fast aufgegeben. Da hält eine ziemlich klapprige Karre neben uns. Der Typ heißt irgendwas mit G und bringt uns bis zum Bahnhof, wo wir in den Zug nach Sacramento einsteigen. Hier finden wir echt noch zu Gott.

Sonnenuntergang auf Tyler Island. Foto: Ilkay

Sonnenuntergang auf Tyler Island. Foto: Ilkay

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Eintrag Nr. 03 - Atlanta, Chicago und wie man Smalltalk führt

Tag 2
Author: Friedi

Erster krasser Hiking-Day in Atlanta

Wir sitzen im Auto auf dem Weg zum Outdoor-Laden REI und Jonathan, der uns hinbringt sagt: "Jeder fährt hier Auto, deshalb ist das Schienennetz so verdammt schlecht ausgebaut. Wir Amerikaner fahren wirklich überall mit dem Auto hin, der Sprit ist einfach zu billig."

Ilkay hält die Balance. Foto: Friedi

Ilkay hält die Balance. Foto: Friedi

Da ist es kein Wunder, dass wir einige Stunden später vor unserem ersten American-Pedastrian-Problem stehen, einer sechsspurigen Autobahn, die von Westen nach Osten verläuft und uns daran hindert nach Hause zu kommen. Hier muss erwähnt werden, dass jede Fahrtrichtung sechsspurig ist. Wie schnell man in München wäre, hätte die A8 derart viele Spuren! Ratlos stehen wir also vor dem Highway. Ilkay zückt sein iPad, das ganz neu ist und uns schon jetzt gute Dienste leistet, schließlich bringt er es fertig darauf ellenlange Blogeinträge zu schreiben, während ich schlafe. "Weiter gerade aus, da müsste eine Unterführung kommen", sagt er nach einem prüfenden Blick auf die Karte. Also trotten wir neben der Straße her, einen Gehweg gibt es nicht. Nach 15 Minuten erreichen wir die Unterführung und laufen gefühlte weitere 15 Minuten durch sie hindurch. Dieser Gewaltmarsch- bestimmt der strapaziöseste unseres Amerika-Trips- geht uns derart an die Substanz, dass wir beschließen erst einmal etwas zu essen. Dieser Entschluss stellt uns vor Problem Nummer zwei: Wir befinden uns in einem Industriegebiet, keine Menschenseele ist zu sehen und vor uns offenbart sich uns die erste Fastfoodmeile unseres Trips. Es gilt also zu entscheiden, wo wir das Essen bekommen, das und am langsamsten umbringt. Mc Donalds? Burger King? Fettige, frittierte Chickenwings? Wir entscheiden uns für einen Potato- und einen Cinnamon-Bagel, beide nur mit Butter belegt, wir sind ja schließlich 1 1/2 Schwaben (und ein halber Türke). Es schmeckt ok.

Unser Weg führt uns weiter, immer dem iPad nach Richtung Süden. 14km sagt die Karte- machbar. Nach einer kleinen Ewigkeit sind es noch 11km, wir haben wohl zu viele Fotopausen eingelegt, aber hier gibt es einfach so verdammt viel zu sehen! Besonders gut gefällt uns ein ziemlich langes Parkstück, Lenox-Park, das leicht hügelig ist, in dem hohe Bäume wachsen und in welchem kleine, für die Region typische Häuschen stehen.

Haus mit gelbem Gras. Foto: Friedi

Haus mit gelbem Gras. Foto: Friedi

Bald beginnt ein Studentenviertel- davon gehen wir zumindest aus, da sich Bars an kleine Läden reihen und viele junge Leute zu sehen sind. Just in dem Moment in dem wir denken, dass uns Atlanta immer besser gefällt beginnt es zu regnen. Zum Glück haben wir an unsere Regenponchos gedacht. Meiner hat mich schon verschluckt und ich stehe da, wie ein kleines rotes Zelt mit Kopf, während Ilkay noch in seinem Rucksack wühlt, weil ich all unsere Einkäufe auf den Poncho gestapelt habe- wer konnte denn auch ahnen, dass es zu regnen beginnt? Als Ilkay den Poncho anhat hört es schlagartig wieder auf, so ist es ja immer. Aus Faulheit behalten wir unsere Zelte dennoch an und begegnen kurz darauf einer Frau, die lachend zu uns sagt: "Ey, cool ponchos guys!"- selbstverständlich hat sich selbst auch einen an. Die Leute sind schon gut drauf hier, auch wenn wir noch nicht wissen, was man auf die Floskel "Hey, how are ya?" antwortet. Die wollen das doch wohl nicht ernsthaft wissen?

Irgendwann durchqueren wir einen kleinen Park. Er ist maximal 50m breit, links ein Wohngebiet, rechts ein Highway und vor uns auf dem schmalen, geteerten Weg, links am Wegrand ein Schild mit der Aufschrift "Stone Mountain Trail". Yeah, unser erster Trail! Aber wollen die uns verarschen? Welcher Stone? Welcher Mountain? Welcher Trail? Das ist ein Radweg!

Der erste "Trail" ist geschafft! Distanz: 2.28 Meilen. Foto: Ilkay

Der erste "Trail" ist geschafft! Distanz: 2.28 Meilen. Foto: Ilkay

Um 18 Uhr kommen wir in Cabbagetown an. Da wir nahe am Verdursten und Verhungern sind fragen wir eine Nachbarin, die wir zufällig auf der Straße vor dem Haus treffen nach einem Supermarkt. Sie ist sehr nett und erklärt uns hilfsbereit den Weg zu "Little", einem Laden der keine quarter-mile vom Haus entfernt liegt. Natürlich will sie noch wissen wie es uns nach Atlanta verschlagen hat und was wir vorhaben. Nach einem ausführlichen Bericht unsererseits macht sie große Augen und gratuliert uns zu unserem verrückten und tollen Plan. Sie würde so etwas ja furchtbar gerne auch machen, jedoch mache sie das Wandern "grumpy" und Zelten und Nichtduschen sei generell nicht ihr Ding. Sie lacht.

Wir rennen die Straße zu "Little" hinunter und fühlen uns herrlich frei, weil wir unsere Kameras und das restliche Gepäck in der Wohnung gelassen haben. "Little" entpuppt sich als wirklich little. Es ist eigentlich ein Burgerladen mit einigen Holzregalen, die mit seltsamen, amerikanischen Lebensmitteln gefüllt sind, an die wir uns wohl noch gewöhnen müssen. Wir entscheiden uns für Nudeln mit Pesto und einem Sixer Bier. Das Ganze kostet 20 Dollar, das Bier ist wirklich teuer hierzulande. Die Nudeln übrigens auch. Und wo ich schon dabei bin: ein kleines Glas Pesto 5 Dollar?

Zurück in der Wohnung lassen wir den Abend gemütlich bei unserem Bier ausklingen und sind, um es kurz zu machen, ziemlich schnell ziemlich angetrunken- dieses Ale hat nämlich 7,5 Umdrehungen.

Guter Empfang. Foto: Friedi

Guter Empfang. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Tag 3 Author: Ilkay

Musik: Sandlotkids - Colors

Es ist 13:44 Uhr in Chicago. Friedi und ich sind hier vor kurzem gelandet. Unser Flieger von Atlanta hatte Verspätung. Eine Stunde oder sowas aber das ist nicht weiter schlimm, da wir erst um 15:20 Uhr weiter nach Oakland fliegen. Also 2,5 Stunden Aufenthalt. Ach, verdammt, die Uhr an der Wand sagt es ist eine Stunde früher. 3,5 Stunden. Bei so viele Zeitzonen, wie wir überschreiten, verliert man schnell den Überblick. Wir sind also in diesem Terminal "eingesperrt", Essen und Getränke sind unverschämt teuer. Acht Dollar für ein Sandwich, das aussieht als hätte ich es letzte Woche in Frischhaltefolie eingepackt, ganz unten in meinem Rucksack verstaut und wäre damit um die halbe Welt geflogen. Dass die Leute irgendwann Hunger und Durst bekommen, wird hier dreist ausgenutzt aber das ist ja nichts Neues. Tankstellen an Autobahnen funktionieren nach dem selben Prinzip. Mal schauen wie lange unser Wrap, vom Flughafen in ATL, unseren Hunger stillt. Friedi schreibt gerade an ihrem Blogeintrag. Ich bin gespannt. Mit ihr zu fliegen ist echt lustig. Sie wird im Flugzeug unglaublich müde und bekommt den Start meist gar nicht mit, als wäre sie bewusstlos. Dabei ist das doch der beste Teil. Wenn der Pilot Vollgas gibt, man angenehm in den Sitz gepresst wird, den Kontakt zum Boden verliert, schnell an Höhe gewinnt und die Skyline, in diesem Fall von Atlanta, noch einmal sieht.

Letzter Blick auf Atlanta. Foto: Ilkay  

Letzter Blick auf Atlanta. Foto: Ilkay  

OK, hier riecht es nach Essen. Irgendetwas fettiges. Ich muss mich ablenken. Ich erzähle euch einfach ein bisschen von gestern, unserem einzigen kompletten Tag in Atlanta. Passt das, wenn ich euch im Plural anspreche? Hoffentlich gibt es noch jemanden außer meiner Tante in Istanbul, der diesen Blog verfolgt. Jemanden, der die Texte liest, denn sie kann kein Deutsch. Also, Atlanta. Jonathan, bei dem wir netterweise nächtigen durften. Moment, ich muss kurz Platz machen, hier will gerade eine Frau die Fenster neben mir putzen. Ah, da ist noch etwas. Jep, Fenster ist sauber. Jonathan, unser Gastgeber hat uns angeboten, uns zu einem Outdoor-Geschäft zu fahren. Eigentlich wollten wir laufen aber er war sehr überzeugend. "I know you're tough but you'll walk enough the next six months...", womit er Recht hat. Dort angekommen, schauen wir uns um. Mir fehlt noch einiges an Equipment, ich hatte das aufgeschoben, da ich die Preise online verglichen habe und es in den Staaten günstiger ist. Dachte ich. Falsch gedacht. Der Kurs hat sich geändert und die Preise waren fast identisch. Zack, für 620 Dollar geshoppt. Alles was man so in der Natur brauchen könnte. Wasserfiltersystem, Wanderstöcke, Seil, eine japanische Tasse aus Titan für 35 Dollar - Ich konnte nicht widerstehen - Socken, Seesäcke, Daunenweste, ja, genau diese hässlichen, die gerade so in sind aber was soll's, die hält mich in den Rockies warm und einige andere Sachen. Glücklicherweise hatte ich meinen Wanderrucksack dabei. Dieser war nun randvoll. Friedi und ich waren uns einig, dass wir nach Hause laufen. Öffentlichen Verkehrsmittel? Fehlanzeige. Der Amerikaner war in den 50ern der Meinung, dass das Auto die Zukunft ist. Also haben wir jetzt sechsspurige (In beide Richtungen) Autobahnen quer durch die Stadt, ein verkümmertes System für öffentliche Verkehrsmittel und praktisch keine Gehwege für Fußgänger. Da vermisse ich sogar den überteuerten VVS in Stuttgart. Dieser Saftladen. Wie auch immer, auf allen Geräten haben wir Offlinekarten, auch auf meinem iPad. Wir haben die Adresse eingegeben, uns die Route angeschaut und sind los. Erstes Hindernis, eine sechsspurige Autobahn, umgeben von doppelspurigen Straßen auf beiden Seiten. Traumhaft. Glücklicherweise gab es eine Unterführung in ein paar hundert Metern Entfernung.

Friedi in der Unterführung. Foto: Ilkay

Friedi in der Unterführung. Foto: Ilkay

Das Stadtbild, das uns umgibt, war eher industriell, überall schwarzer Asphalt, niedrige Bürogebäude oder Fabrikhallen, jedoch keine Menschenseele. Arbeitet ihr überhaupt jemand? Alles wirkt ein bisschen trist. Riesige Pickups, àla Ford F350 fahren vorbei. Natürlich alle mindestens mit sechs Zylindern, eher acht. Da ist es schon verständlich, das ein VW eine richtige Dreckschleuder ist.

An einer Ampel warten wir ungelogen knappe 10 Minuten um eine, ihr erratet es, sechsspurige Straße zu überqueren. Mittlerweile ist dem Industriegebiet ein Wohngebiet gewichen. Die Natur nimmt hier wieder mehr Platz ein. Wir sind umgeben von hohen Bäumen und kleinen Bungalows, ab und zu erscheinen kleine Anwesen zwischen den Bäumen. Komischerweise haben die meisten Häuser ihre Rollläden unten. Der Anzahl an Eichhörnchen nach zu urteilen, hat hier jedes Haus sein eigenes Eichhörnchen. Des weiteren ist das Gras hier nicht grün, sondern gelb.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Laut Karte kommen wir gleich auf einen Trail. Stone Mountain Trail. Mitten in Atlanta. Was das wohl sein wird? Leider haben wir nicht an Wasser gedacht, da wir davon ausgegangen sind, das alle 10 Meter ein Supermarkt oder ein Fastfood-Restaurant auftauchen wird aber dem war ganz und gar nicht so und wir waren ziemlich durstig. "German backpackers died of thirst in Atlanta." Nein, so schlimm war es auch nicht aber so ein Sprudel wär scho was feines. Moment, Friedi packt gerade die Rittersport aus. Dunkle Vollnuss. Weiter geht's. Wir haben nicht auf die Route geachtet und sind ein Stück zu weit gelaufen aber wir sind unserem Ziel schon ziemlich nahe. Künstlergegend, alternativ, coole Architektur, viele kleine Shops, in denen das Handwerk wieder aufblüht. Barbiere, Mode-Boutiquen...

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Smalltalk Skills Level 1. Wir haben uns an die ständigen Smalltalk-Angriffe der einheimischen Bevölkerung gewöhnt, wenn wir eine dieser Situationen antizipieren können, kontern wir meist gekonnt mit einem "I'm fine. How are you?". In dieser Gegend sind wir jedoch in einen Hinterhalt geraten. Aus einem kleinen Fahrradladen "The Spindle", vor dem hippe Rennräder stehen ertönt ein "Hey guy's, how you doin?" Aus mir schießt nur ein "Servus!". Wir verlassen das Schlachtfeld. Darauf war ich nicht vorbereitet. Cabbagetown. Fast daheim.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Boarding Time. Gleich geht's los nach Oakland. Friedi hat etwas zu essen gekauft, damit wir unterwegs nicht verhungern. Vier Stunden Flug liegen vor uns. Ein Burger und eine Pommes. Wir teilen brüderlich.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

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