6.-10.2.2016

Jeden Abend liegen wir im Zelt und haben absolut keine Kraft mehr etwas anderes zu tun, als zu schlafen. Es ist ja nicht mal spät. Wir schlafen mehr, als wir laufen und das, obwohl wir jeden Morgen um 6 anfangen unsere Rucksäcken zu packen. Ihr seht, nach 18 Uhr geht bei uns nicht mehr viel.

Heute ist Ruhetag und ich sitze hier im wohl schönsten Hostel-Gemeinschaftsraum, den ich je gesehen habe. Jetzt haben wir Zeit. Zeit die Füße auszuruhen, Energie zu tanken, unsere Sachen zu waschen und den Blog zu pflegen. Also versuche ich an Ilkays Oakland-Bericht anzuknüpfen und euch zu erzählen, was wir in den letzten Tagen erlebt haben.

Viel zu schweres Gepäck auf dem Hügel über Oakland. Foto: Friedi

Viel zu schweres Gepäck auf dem Hügel über Oakland. Foto: Friedi

Aussicht über die Bay von San Francisco. Foto: Ilkay

Aussicht über die Bay von San Francisco. Foto: Ilkay

Die Landschaft, die direkt hinter der Bay von San Francisco beginnt ist ganz schön hügelig und großteils mit Gestrüpp überwuchert. Man kann sich das Ganze ein bisschen wie das Hinterland der Toscana vorstellen. Es riecht auch genauso. Wir verlassen Oakland, beziehungsweise Barkley in nordöstliche Richtung. Die Hügelkette, die sich vor uns erstreckt sieht eigentlich gar nicht so hoch aus, bringt uns dann aber doch ganz schön ins Schwitzen. "Mein Gott- und ich dachte ich wäre in guter körperlicher Verfassung." sage ich zu Sarah, die wir auf dem Weg nach oben treffen. Sie lacht: "In Boston bist du es dann!" Sarah ist mit ihrem Freund auf Heimatbesuch, weil ihre Cousine heiratet. Wir unterhalten uns den ganzen Weg hinauf, während sich Ilkay von Papa Dennis erklären lässt was Poison Oak ist. Unsere erste Wander-Bekanntschaft endet damit, dass Sarah uns zu sich einläd und wir den dreien unsere Homepage aufschreiben. "Mit Hilfe von Google-Translate verstehen wir bestimmt auch was ihr gerade erlebt und können nachvollziehen wo ihr steckt!" meint Dennis.

Ich, während Ilkay seine Schuhe neu bindet- Stunden später. Foto: Ilkay  

Ich, während Ilkay seine Schuhe neu bindet- Stunden später. Foto: Ilkay  

Nach etlichen weiteren Hügeln landen wir in einem kleinen Regionalpark, in dem es einen Campground gibt. Im Prinzip ist es nur ein eingezäuntes Stück Wiese mit drei unglaublich hohen Bäumen und ein paar Picknickbänken. Es kostet nichts sein Zelt hier aufzustellen und wir fühlen uns sicher, weil der Zaun uns von Gestüpp und wilden Tieren trennt. Im Zelt schlafe ich sofort ein, während Ilkay die Kojoten heulen hört. Es knackst und raschelt und heult, ich schlafe tief und fest. Am nächsten Morgen bin ich putzmunter. Ilkay hat Augenringe.

Erster Zeltplatz im Briones Regional Park. Foto: Ilkay

Erster Zeltplatz im Briones Regional Park. Foto: Ilkay

Erster Sonnenaufgang im Briones Regional Park. Foto: Friedi

Erster Sonnenaufgang im Briones Regional Park. Foto: Friedi

Das nächste Dorf, das wir erreichen ist Walnut Creek. Wir wissen nicht genau wo sich der Stadtkern befindet und checken gerade die GPS Daten auf meinem Handy, als uns zwei Frauen mittleren Alters ansprechen. "Do you need help?" Puh ja, hätten uns bestimmt gleich zurechtgefunden, aber ein bisschen quatschen und sich den Weg erklären lassen schadet ja nicht. Nach 10 Minuten sind wir nicht nur um eine genaue Wegbeschreibung, sondern auch um eine Einladung zum Kaffee und eine Notfalltelefonnummer reicher. "So habt ihr eine Kontaktperson an der Ost- und eine an der Westküste, nur für alle Fälle! Wenn ihr Hilfe braucht oder einen Rat, ruft einfach an." Mensch, die Leute sind wirklich unglaublich hier. Wir bringen die letzen paar Kilometer zur Stadtmitte hinter uns und missbrauchen dort erstmal die Filiale einer Café-Kette als Rastplatz und Akkuauflade-Zentrale. Neben den 4 Dollar, die unsere beiden Eiskaffees kosten, lassen wir eine bröselige Spur getrockneten Schlamms auf dem Boden des Ladens zurück. An uns haben sich die Besitzer des Cafés bestimmt keine goldene Nase verdient.

Von unserer zweiten Nacht hat Ilkay euch ja bereits im letzten Eintrag erzählt. Wobei ich sagen muss, dass der kleine Zwerg mit der roten Mütze in dieser Nacht gar nicht so gut geschlafen hat. Es hat nämlich so stark gewindet, dass ich die ganze Zeit Angst hatte, das Zelt könnte davonfliegen. Wenigstens müssen wir das Ding am Tag nicht noch einmal aufbauen, um es vom ganzen Kondenzwasser zu befreien, das sich nachts üblicherweise innen an der Zeltwand sammelt. Wäre auch schwierig geworden, denn am folgenden Tag erklimmen wir den 1160m hohen Mt. Diablo auf dessen Spitze es noch viel schlimmer stürmt. Wir sind beide ziemlich platt, als wir oben ankommen und haben leichte Kopfschmerzen und Übelkeit. Meine Diagnose: Sonnenstich. Schade, dass wir die Aussicht deshalb so wenig genießen können. Eigentlich ist es wunderschön hier oben. Auf der einen Seite und schon ziemlich weit entfernt die Bay von San Francisco, auf der anderen Seite und noch viel weiter entfernt die schneebedeckten Berge- Sierra Nevada. Doch bevor wir die Berge erreichen müssen wir erstmal von diesem verfluchten Mt. Diablo runter ohne davongeweht zu werden. Zum Glück verfängt sich der Wind mit jedem Meter, den wir absteigen mehr in den Ästen der Bäume. Auch die Kopfschmerzen werden besser und schlussendlich finden wir im Tal sogar eine eiskalten Bach, der uns nicht nur die müden Füße kühlt, sondern auch den Schweiß von uns und unseren stinkenden Socken wäscht. Frisch gebadet und mit Sicherheit duftend wie kleine Blumenwiesen marschieren wir in Clayton ein. Das verschlafene Kaff sieht bestimmt nicht öfter als einmal im Schaltjahr einen Ausländer und ist übernachtungstechnisch dementsprechend schlecht auf uns vorbereitet. Zum Glück hilft man uns auf dem Polizeirevier weiter. Der Officer beschreibt uns genau, wo er Zelten würde, wäre er auf der Suche nach einem Schlafplatz. Er darf uns natürlich nichts erlauben oder raten. Am nächsten Morgen steht der Officer durch Zufall genau an der Kreuzung, an der unser Trail von der Straße abzweigt. Wirklich verrückt, man trifft sich eben immer zweimal im Leben. Er grinst uns an und fragt, ob wir gut geschlafen haben und ob alles geklappt hat.

Auf dem Mt. Diablo. Foto: Friedi

Auf dem Mt. Diablo. Foto: Friedi

Der erste Aufstieg nach der Nacht in Clayton. Foto: Ilkay

Der erste Aufstieg nach der Nacht in Clayton. Foto: Ilkay

Ein weiterer verrückter Zufall ereignet sich zwei Tage später in Antioch. Hier gibt es eine Brücke, die der gehfaule Amerikaner nur für das Automobil zugelassen hat. Leider ist es die einzige Brücke im Umkreis von 30 Meilen und wir müssen da rüber. Deswegen bleibt uns nichts anderes übrig als den Daumen rauszustrecken und abzuwarten. Keine 15 Minuten später hält eine ziemlich klapprige Karre, die ein Typ mit wettergegerbter Haut fährt, der aussieht, als hätte er seit Jahren weder Dusche noch Friseur gesehen. Wir sind hin und her gerissen, steigen aber ein. Der Typ, der irgendwas mit G heißt, entpuppt sich als wirklich nett. Er legt irgendwelche Leitungen- so einen Slang wie der hat, da versteht man nicht viel. Er lässt uns an einer Kreuzung weiter nördlich raus und düst davon während wir weiter Richtung Isleton laufen.

Hummer in Isleton. Foto: Ilkay

Hummer in Isleton. Foto: Ilkay

Schuhe am Straßenrand von Isleton. Foto: Friedi

Schuhe am Straßenrand von Isleton. Foto: Friedi

Am nächsten Tag und 25km weiter nördlich wird die Straße für uns zur Qual. 30km wären es noch bis Sacramento, auf einer Landstraße ohne Gehweg. Die Autos fahren mit gut 50mph an uns vorbei. Das geben wir uns nicht. Wieder den Daumen raus, 30 Minuten warten, schon fast aufgegeben. Da hält eine ziemlich klapprige Karre neben uns. Der Typ heißt irgendwas mit G und bringt uns bis zum Bahnhof, wo wir in den Zug nach Sacramento einsteigen. Hier finden wir echt noch zu Gott.

Sonnenuntergang auf Tyler Island. Foto: Ilkay

Sonnenuntergang auf Tyler Island. Foto: Ilkay

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