4.2.2016

Musik: Hanami - A Pale Shade

Als ich angefangen habe diesen Eintrag zu schreiben, waren wir gerade auf einem Hügel im Briones Regional Park, da wir es nicht mehr zum Mount Diablo geschafft haben. (Ich habe es die letzten Tage nicht geschafft diesen Eintrag fertig zu schreiben. Mehrmals bin ich eingeschlafen und mittlerweile sind wir in Sacramento.) Zelten ist hier verboten aber was bleibt uns anderes übrig außer Wildcampen, umgeben von Fröschen, einer Menge Kühen und Kojoten. Friedi liest gerade. Im Zelt hat sie immer ihre rote Mütze auf, mit ihr sieht sie sie aus wie ein Zwerg. Essen konnten wir auch nur drinnen, sonst hätten wir Mücken und Parkranger angelockt. Eine Mücke hat sich vorhin jedoch trotzdem ins Zelt getraut. Sie ist jetzt nur noch zweidimensional und wieder draußen. Friedi wäre ein guter Türsteher. Man, ihr glaub nicht was das hier für eine Landschaft ist. Alles ist grün, ein saftiges grün, sowas habe ich bei uns noch nie gesehen, man könnte glauben es wäre mitten im Frühling. Ich habe mit Schnee gerechnet und dass ich mir meine Zehen in eine Tüte packen muss, da sie abgefroren sind.

Foto: Ilkay  

Foto: Ilkay  

Friedi putzt Zähne während die Sonne hinter ihr aufgeht. Foto: Ilkay  

Friedi putzt Zähne während die Sonne hinter ihr aufgeht. Foto: Ilkay  

Früh geht es bei uns schon los. Foto: Ilkay  

Früh geht es bei uns schon los. Foto: Ilkay  

Eine der wenigen Markierungen des American Discovery Trails.  Foto: Friedi

Eine der wenigen Markierungen des American Discovery Trails.  Foto: Friedi

Seit der Ankunft in Oakland ist viel passiert. Ich beginne mal von vorne. Nach unserer Landung habe ich unsere Wasserblasen auf der Flughafentoilette gefüllt. Boah, das schmeckt hier wie im Hallenbad. Wer von euch trinkt aus dem Wasserhahn? Gute Entscheidung! In Deutschland schmeckt das wie Engelspipi, hier in den Staaten jedoch wie ein fehlgeschlagener Chemieversuch. Im Nordosten der Stadt gibt es einen Campingplatz, das ist unser Ziel, da es schon bei unserer Ankunft dunkel ist und wir keine andere Schlafmöglichkeit haben. Mit einem gefüllten Wasservorrat sind wir los. Industriegebiete sind im dunklen ein wenig gruselig. Wir waren uns nicht sicher ob wir da durch wollen aber wir haben keine Wahl. Wir brauchen einen Schlafplatz. Außer uns ist niemand hier, ab und zu biegt ein Fahrzeug um's Eck'. Meist mit rundum getönten Scheiben, man erkennt keinen der Insassen. In Deutschland hätte man so keinen TÜV bekommen. Ein Streifenwagen passiert uns und schenkt uns für einen kurzen Moment ein Gefühl von Sicherheit. Kleine heruntergekommene Wohnhäuser aus Holz erscheinen. Hier hätte man auch eine Doku über Bandenkriminalität in amerikanischen Vorstadtgebieten drehen können. Auf jeden Fall war uns beiden mulmig zumute. Kurze Unterbrechung. Der Zwerg schläft jetzt. Vor uns sind zwei dunkle Gestalten auf dem Weg, man erkennt die Glut der Zigaretten. Ich schlage Friedi vor die Straßenseite zu wechseln, man muss ja nicht freiwillig in die Höhle des Löwen. Auf Höhe der beiden ruft uns einer etwas zu. Ich verstehe es nicht und bereite mich innerlich schon auf eine Auseinandersetzung vor. Keine Ahnung wie das ausgesehen hätte, ich hätte meine Mutter angerufen oder so. Der Typ zeigt auf etwas in einem Vorgarten. Oh, man, da wollte uns einer echt nachts um kurz vor acht Möbel anbieten. "You can take'em. They're free." So ein Sessel macht sich bestimmt gut beim Wandern. Endlich eine Hauptstraße, International Boulevard, auf den wir rechts abbiegen und die Straßen bis zur 82nd Avenue zählen. Wir wollen noch etwas zu essen einkaufen aber es gibt hier einfach nichts. Keine einzige Filiale der großen Fastfoodketten, kein Supermarkt, nichts. Ab uns zu eine Werkstatt oder komische kleine Shops. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Viertel. Fotos kann ich euch leider keine zeigen, die Kameras hatten wir schon lange verstaut. Wann weißt du, dass du am falschen Ort gelandet bist? Wenn du den Saloon betrittst, Gespräche schlagartig enden, alle sich zu dir umdrehen und der Pianist ein paar schräge Töne anschlägt bevor er komplett abbricht. Kleinere Gruppen von jungen Männern stehen am Straßenrand, reden, rauchen oder tanzen zu Musik, die aus parkenden Autos kommt. Alle verstummen und starren uns an. "HO-LY-SHIT!", hören wir einen Kerl sagen. Das war unser Saloon-Moment. Spätestens jetzt wussten wir, dass wir im falschen Viertel sind. Als wir in die 82nd Avenue abbiegen wollten werden wir von zwei kleinen Fußhupen verfolgt und angebellt. Das haben wir als Zeichen gewertet und haben die Hauptstraße nicht verlassen aber selbst hier war es absolut unangenehm, trotz starkem Verkehrsaufkommen. In einem Laden, der Snacks und T-Shirts, die seit Jahren im Regal liegen, verkauft, fragen wir nach einem Hostel oder Campingplatz. Der Typ schaut uns völlig verwirrt an. Gibt's hier nicht. Wir bestellen uns nur ein Taxi. Hauptsache weg von hier. In 20 Minuten kommt eins. Das werden ziemlich lange 20 Minuten. Nach kurzer Zeit werden wir von einem Kerl angesprochen, um die fünfzig, kräftig. "Komm schon, wir haben gerade genug andere Probleme.", denke ich mir. Er fragt woher wir sind und das unausweichliche Gespräch beginnt. Wie es sich herausstellt ist er ziemlich nett, vertrauen tun wir ihm jedoch nicht. "Imma be straight with you. This is no place for you. There are drugs, robbery, shootings.", erzählt er uns. Er heißt Ryan und wohnt gegenüber. Wir sollen den Bus nehmen und nach Telegraph / Dwight Way fahren. Da seien mehr "white people, Asian people and black people". Während dem Gespräch kommt der Verkäufer mehrmals raus und raucht eine Kippe nach der anderen und wirkt aufgeregt. Was uns nicht besser stimmt. Okay, wir nehmen den Bus. Ryan hilft uns und wechselt zwanzig Dollar in unserem Lieblingsgeschäft auf dem International Boulevard, da der Bus nur fünf Dollar Scheine annimmt. Währenddessen kommt eine alte Frau auf uns zu und quatscht uns auch noch an. Wann kommt denn dieser verdammte Bus? Pausenlos und ziemlich aggressiv gibt sie unverständliche Dinge von sich. Sie hat kaum Zähne und macht komische Bewegungen mit ihrem Kiefer. Von Ryan lässt sie sich auch nicht beeindrucken, der sie schon sehr laut zurecht gewiesen hat. Sie will Geld von uns. "Crack addict.", klärt Ryan uns auf. Er ist echt unsere Rettung hier. Mit den schweren Rucksäcken ist man unbeweglich, sich wehren oder gar rennen ist kaum möglich. Endlich kommt der Bus. Wir drücken Ryan, zum Dank, ein paar Dollar in die Hand, er sagt dem Busfahrer wohin wir wollen. Friedi und ich stehen im Eingang und blockieren uns gegenseitig mit dem Gepäck. Als sie unsere Fahrscheine lösen will taucht die Cracktante neben uns im Bus auf, reißt Friedi das Geld aus der Hand und flüchtet durch die hintere Türe des Busses. Fünf Dollar, was soll's? Wir sind die olle Trulla los. Der Busfahrer meint wir sollen Platz nehmen, er nimmt uns so mit. Endlich weg von hier. Merkt euch: East Oakland ist nichts für Weißbrot. Wir fahren circa eine Stunde mit dem Bus gen Westen. (Guck mal VVS, es geht auch günstiger.) Wow, ein McDonald's. Ich habe mich noch nie so arg über einen McDonald's gefreut. Berkeley. Jetzt sind wir zwar in einem Studentenviertel aber einen Schlafplatz haben wir immer noch nicht. Total müde laufen wir die Straßen rauf und runter, das einzige Hostel in der Nähe hat zu. Hungrig entscheiden wir uns einen Burrito essen zu gehen. Ich weiß nicht ob er wirklich so lecker war oder ob das Erlebte die Geschmacksnerven positiv beeinflusst. Neben mir sitzt ein Kerl mit einem "Superburrito". Das war locker ein halber Meter. Ich frage ihn, ohne groß Hoffnung zu haben, ob er hier einen Schlafplatz kennt. "Yeah, sure!", antwortet er überraschenderweise. Vincent studiert irgendetwas mit Biologie und wir verbringen die nächsten zwei Stunden mit ihm. Er führt uns zu einem Studentenwohnheim. Ein völlig abgefahrenes Studentenwohnheim. Alle Wände sind bemalt, riesige Aufenthaltsräume mit Musikanlagen, Tischtennisplatten, Billardtischen. Wir schauen uns mit Vincent und seinen Freunden nach einem Schlafplatz um. Im Treppenhaus, das auch komplett voll mit Farbe ist, erschallt eine bezaubernde Frauenstimme. Hier fühlen wir uns wohl. Die Dachterrasse hat einen von Glas umgebenen Raum mit Blick über die Bay.

Blick von unserem Schlafplatz über die Bucht von San Fran. Foto: Ilkay

Blick von unserem Schlafplatz über die Bucht von San Fran. Foto: Ilkay

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Eines der Treppenhäuser. Foto: Ilkay  

Eines der Treppenhäuser. Foto: Ilkay  

Gemeinschaftsraum mit Küche. Foto: Ilkay  

Gemeinschaftsraum mit Küche. Foto: Ilkay  

Man erkennt die Golden Gate Bridge am Horizont. Hier lassen wir uns nieder. Friedi rollt ihre Isomatte aus und legt sich in ihren Schlafsack. Ich lege mich völlig müde mit meinen Klamotten und meinen Stiefeln auf das schmutzige Sofa, das eigentlich mal beige war. Meine Stiefel habe ich während dem Flug von Chicago nach Oakland angezogen und ich sollte sie erst am nächsten Abend auf unserem ersten Zeltplatz wieder ausziehen.

Blick von der Dachterrasse. Golden Gate Bridge rechts am Horizont. Foto: Ilkay

Blick von der Dachterrasse. Golden Gate Bridge rechts am Horizont. Foto: Ilkay

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