Musik: Cousin - Fussball Politics

Ich will Pizza essen. Eine Pizza von der Dönerbude nebenan würde schon reichen. Zu Abend gab es gerade Oatmeal, eine Art Haferbrei mit Zucker. Verfeinert mit Nüssen und Haferflocken aus Deutschland. Normalerweise gibt es das zum Frühstück aber unser eigentliches Abendessen war ungenießbar. Vorgekochter Reis, "spanish rice"-wasauchimmer, den wir in einem "Target" gekauft haben. Das ist ein "Kik" kombiniert mit einem "Netto", nur in schlecht. Nicht das "Netto" besonders gut ist. Es gibt nichts frisches, nicht einmal Tomaten oder Zwiebeln. Ausnahmslos Fertiggerichte. Und hier kaufen Menschen täglich ein. Ich will nicht meckern oder sagen das wir hier fast verhungern. Uns geht es gut aber wenn man abends am Zeltplatz, nach einem langen Tag etwas essen will und der Reis einen im Stich lässt, ist das ein wenig enttäuschend. Aber wir haben das Beste daraus gemacht. Außerdem haben wir ziemliches Glück gerade, Friedi hat ja bereits von unserem persönlichen Chauffeur G. Erzählt, der angefahren kommt sobald wir den Daumen rausstrecken. Wir haben aber noch viele andere herzlich nette und hilfsbereite Menschen getroffen. Vor ein paar Tagen wollten wir vorsichtshalber unseren Wasservorrat auffüllen. Das war auf dem Land, kurz nach dem kleinen Örtchen Isleton. Wir sind gerade in der einzigen Straße in der Häuser stehen. Ein Einfamilienhaus neben dem anderen. Mal größer, mal kleiner. Mal etwas verfallen, mal mit komischer Architektur. Ein Holzhaus steht auf einem ungefähr fünf Meter hohen Quader aus Backsteinen. Als hätte sich der Architekt beim Fundament um ein paar Meter verrechnet. Gegenüber von diesem Haus saugt ein Mann gerade in seinem Vorgarten sein Auto aus, natürlich ein großer amerikanischer Pickup. Chevy oder Ford, kann mich nicht mehr recht erinnern. Auf der Veranda sitzt ein Hund, ein ziemlich großer Hund. Irgendetwas Bulldoggen-artiges, mit hängenden Backen. Außerdem sitzt er wie ein Mensch auf dem Stuhl. Friedi und ich müssen schmunzeln. Wir fragen den Mann ob er etwas Wasser für uns hat. Tap water, aus dem Wasserhahn reicht uns. Er lacht und bringt uns eine halbe Gallone gefiltertes Wasser. Ob wir mehr brauchen, ob wir Früchte wollen oder kaltes Wasser fragt er uns aber wir lehnen dankend ab. Der Hund hat sich unterdessen dazugesellt. Chou-Chou heißt er, glaube ich. Was für ein Name für einen Rüden. Er starrt uns an, während wir unsere Wasserblasen füllen.

Eine detaillierte Zeichnung von unserem Wasserfiltersystem, angefertigt von Ilkay. 

Eine detaillierte Zeichnung von unserem Wasserfiltersystem, angefertigt von Ilkay. 

Wir können die Wasserblase mit dem Trinkwasser im Rucksack lassen, da wir die Blase mit dem "schmutzigen" Wasser einfach an den Trinkschlauch hängen, den Rest macht die Gravitation. Chou-Chou ist während dem Befüllen ein wenig aggressiv geworden und bellt uns an. Das Herrchen ist nicht in Sichtweite. Hui, hier ist es auch immer spannend. Chou-Chou kommt immer näher, wir gehen ein paar Schritte zurück. Vielleicht beruhigt er sich ja. Just in diesem Moment kommt auch das Herrchen wieder, mit einer Tüte in den Händen. Kaltes Wasser, Mandarinen und Bananen. Die Leute sind echt der Wahnsinn hier. Wir bedanken uns für die die äußerst nette Spende. Chou-Chou, die Lok, steht zwischen uns. Sind wir jetzt Freunde? Knurren. Wir drehen uns um und wollen loslaufen als Chou-Chou wohl ein bisschen auf körperliche Nähe aus ist und auf mich losgeht. Ich drehe mich zur Seite um meine Leistengegend vor der zähnefletschenden Lok in Sicherheit zu bringen. Noch einen Schritt zurück. Mit den Rucksäcken sind wir echt träge. Der Biss trifft nur knapp meinen Oberschenkel. Puh, Glück gehabt. Nur ein Kratzer. Friedi verarztet mich. Was würde ich nur ohne sie machen? Chou-Chou und ich sind nun auf jeden Fall Freunde fürs Leben.

An diesem Abend fragen wir noch Silvester, einen Mann Anfang 40, der gerade mit seinem Kind auf dem Arm über das Grundstück fährt und rasen mäht, ob wir hier nächtigen dürfen. "Natürlich, wo wir wollen...", und wir sollen uns Orangen vom Baum pflücken. Unglaublich leckere und herrlich duftende Orangen, mit einem saftigen Orange. Man will die Schale direkt mitessen. Sowas findet man in keinem deutschen Supermarkt.

Friedi schält Silvester-Orangen. Foto: Ilkay

Friedi schält Silvester-Orangen. Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Einige Tage später geht es für uns morgens los, von Sacramento in Richtung Folsom Lake. Es läuft ziemlich gut, das Gebiet ist eben und wir folgen einfach dem Flusslauf des American Rivers. Circa 30 Kilometer kommen auf den Kilometerstand unserer Körper hinzu, bevor es abends dunkel wird und wir uns nach einem Schlafplatz umschauen müssen.

Friedi unter einem Baum. Im Hintergrund der American River. Foto: Ilkay

Friedi unter einem Baum. Im Hintergrund der American River. Foto: Ilkay

Friedi. Foto: Ilkay

Friedi. Foto: Ilkay

Gekochtes Gemüse in einem Weizenfladen. Foto: Friedi

Gekochtes Gemüse in einem Weizenfladen. Foto: Friedi

Eine Wasserblase, eine Mülltonne und Ilkay mit Abendessen. Foto: Friedi

Eine Wasserblase, eine Mülltonne und Ilkay mit Abendessen. Foto: Friedi

Eine Fahrradfahrerin hält neben uns und fragt wohin wir wandern. Ein Gespräch entwickelt sich, sie ist sehr interessiert. Sie fragt wo wir überhaupt übernachten. Ich zeige hinter mich ins Grün. Es sei verboten aber bei einer Nacht würde niemand etwas dagegen haben sagt sie uns. Wir haben sowieso keine Wahl. Noch einmal 30 Kilometer zu einem Campingplatz hätte unser Fahrwerk nicht verkraftet. Unser nettes Gespräch kommt zum Ende. Ich lade sie ein sich uns anzuschließen aber sie lehnt lachend ab. Ihr Mann warte daheim. Sie fährt davon. Friedi und ich widmen uns wieder der Zeltplatzsuche. Die hält jedoch keine zehn Sekunden, da unsere fahrradfahrende Bekanntschaft umkehrt und uns etwas zuruft. Sie habe ein Gästezimmer und wenn wir wollen, können wir dort übernachten. Friedi und ich platzen innerlich vor Freude. Linda, so stellt sie sich vor, muss das aber nur kurz mit ihrem Mann klären. Holy shit! Eine Nacht in einem echten Bett. Lindas Mann geht nicht ans Telefon. "Geh' schon ran!", denke ich mir. Ein Übernachtung in einem Bett, anstatt illegal im Park wäre schon angenehmer. Linda schlägt vor, dass sie nach Hause fährt, ihren Mann fragt und wir in 30 Minuten anrufen. In dieser Zeit suchen wir uns einen Zeltplatz für alle Fälle aber hoffen, dass die Übernachtung bei Linda klappt.

Die Sonne schenkt uns einem dramatischen Sonnenuntergang, während den spannenden 30 Minuten Wartezeit. Foto: Ilkay

Die Sonne schenkt uns einem dramatischen Sonnenuntergang, während den spannenden 30 Minuten Wartezeit. Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Eine halbe Stunde später die Erlösung. Linda und Richard holen uns sogar ab. Wir erzählen von unserer Reise, tauschen uns aus. Die beiden haben eine ziemlich große Hütte. Uns ist es erst ein wenig unangenehm die Schuhe auszuziehen aber Linda und Richard kennen das, sie wandern selber. Zwar nicht mehr so weite Strecken wie wir aber früher waren sie auch länger unterwegs. Junge, kommt da ein Mief raus. Richard sucht uns Kartenmaterial für den nächsten Tag und geht mit uns die Route durch. Nach einem kleinen Abendsnack aus Kiwis und Orangen, aus deren Garten (wieder einmal unglaublich lecker), ist unsere Batterie vollends leer und wir fallen ins Bett. Linda fragt noch ob wir etwas bestimmtes zum Frühstück wollen. Oatmeal reicht uns, nichts besonderes. So können wir uns noch einmal in einem richtigen Bett ausruhen und Energie für die nächsten Etappen tanken.

Auf dem Weg zum Folsom Lake, nach der Übernachtung bei Linda und Richard. Foto:  Friedi

Auf dem Weg zum Folsom Lake, nach der Übernachtung bei Linda und Richard. Foto:  Friedi

Ilkay und die Wildgänse. Foto: Friedi

Ilkay und die Wildgänse. Foto: Friedi

Friedi am Folsom Lake. Foto: Ilkay

Friedi am Folsom Lake. Foto: Ilkay

Nach einer überteuerten Nacht auf einem Campingplatz, geht es weiter nach Auburn. Foto: Ilkay 

Nach einer überteuerten Nacht auf einem Campingplatz, geht es weiter nach Auburn. Foto: Ilkay 

Das ist echt komisch aber die Stadt ist unser größter Feind. Wir müssen uns vor bestimmten Vierteln in acht nehmen, man kann nirgendwo das Zelt aufschlagen ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Uns belastet das immer. Wir versuchen Städte zu vermeiden. Das hat heute aber auch nicht geklappt. Wir mussten nach knapp 30 Kilometern, von Folsom nach Auburn etwas zu essen einkaufen, da unsere Vorräte aufgebraucht sind. Jetzt Zelten wir unterhalb vom American River Canyon Overlook Park. Ein Bewohner aus Auburn hat uns hier hergefahren, den wir nach einer Zeltmöglichkeit gefragt haben. Erst wollte er uns den Weg zeigen aber jetzt hat er uns direkt hingefahren. Ohne ihn wären wir aufgeschmissen gewesen.

Friedi und ich warten auf unsere Mitfahrgelegenheit zum Canyon Overlook Park. Foto: Ilkay

Friedi und ich warten auf unsere Mitfahrgelegenheit zum Canyon Overlook Park. Foto: Ilkay

In der Stadt kann man nur schwierig ein Zelt aufschlagen, überall sind Verbotsschilder. Entweder man kennt versteckte Orte, man findet diese zufällig oder man schläft eben nicht. Wer braucht schon Schlaf? Am nächsten Tag stehen wir früh auf, um unseren Platz unbemerkt verlassen zu können. Wir schlendern hungrig Richtung Downtown, da wir einkaufen müssen. Wir haben nichts mehr zu essen, kaum Gas und ich habe meine Fleecejacke verloren. Wir finden ein nettes Café in dem wir unsere Akkus aufladen, etwas trinken und Kontakt mit unseren Muttis aufnehmen. Mutter > Hunger. Geschlagene drei Stunden später, ja, drei, mit vollen Akkus und immer noch leeren Mägen, ziehen wir weiter. Wir müssen sparen. Das Café hat außerdem miese mit uns gemacht. Jeder von uns hatte nur einen kleinen Kaffee, dafür haben wir Strom und die Toilette für mehrere Stunden genutzt. Laut Google müsste um die Ecke ein Outdoor-Geschäft sein. Tja, bei Google ist auch nicht alles zu hundert Prozent korrekt. Dieses Geschäft gibt es seit Jahren nicht mehr, dort ist jetzt ein Fahrradladen. Wir fragen die Leute in der Nähe, jedoch ist alles zu weit entfernt. Drei Meilen in eine Richtung. Wir laufen los, da wir das Gas unbedingt brauchen. Erst merke ich es nicht aber Friedi spricht mit einem Mann, ich mache kehrt. In einem Schnaps-Outlet (Liquor outlet) schlägt er vor. Wir überlegen aber letzten Endes fährt er uns zu sich nach Hause und stellt uns seiner Frau vor, die selber gerne wandert und John gezwungenermaßen auch. Sie gibt uns zwei angefangene Kartuschen, die beide mehr als über Hälfte gefüllt sind. Perfekt! Nach einem kurzen Plausch mit seiner Frau, fährt er uns in ein Einkaufszentrum. Wir reden ausgiebig über Politik, Wandern und Auburn, während John noch einen kleinen Umweg fährt um uns den Weg zurück zum Trail zu zeigen. Wir verabschieden uns herzlich und wissen gar nicht wie wir uns bedanken sollen. John winkt ab, "This was meant to happen." Ja, mag sein.

Noch ein Foto vom Folsom Lake. Foto: Ilkay

Noch ein Foto vom Folsom Lake. Foto: Ilkay

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