Am Nachmittag nach dem Shoppingbummel in Auburn, bei dem Ilkay ein Vlies im Holzfeller-Look erworben hat (er ist ganz stolz), brechen wir Richtung Foresthill auf. Die Landschaft wird rauer und hügeliger und nach einem ziemlich langen und kurvigen Abstieg stehen wir plötzlich vor dem Middle Fork des American Rivers. Wow. Der Fluss ist wirklich schön. Er hat eine tiefblaue Farbe und ist unglaublich klar. Ich sehne mich danach hineinzuspringen und mich zu waschen. Ilkay scheint es genauso zu gehen, denn er schielt immer wieder zum Wasser rüber, schnuppert an sich, verzieht das Gesicht und ist enttäuscht, als der Trail uns immer weiter nach oben führt, sodass wir das Zelt schließlich ungebadet auf einer Plattform 100 Meter oberhalb des Flusses aufbauen müssen. Wenigstens gibt es hier keine Koyoten und der Sonnenuntergang ist atemberaubend.

Middle Fork des American Rivers. Foto: Ilkay

Middle Fork des American Rivers. Foto: Ilkay

Nachthimmel am American River. Foto: Ilkay

Nachthimmel am American River. Foto: Ilkay

Am nächsten Mittag kommen wir dann endlich zu der langersehnten "Dusche". Mehr als 13 Grad kann das Wasser aber nicht haben, denn die Füße fangen schon nach wenigen Sekunden zu brennen an. Bloß nicht nachdenken, kurz reinhüpfen , abschrubben und dann wieder raus, denke ich. Als ich bibbernd auftauche steht Ilkay immer noch bis zu den Knien im Wasser. "Ich hab einen Gehirnfrost", sagt er. "Der ist, glaub ich, über meine Füße hoch zum Kopf gewandert."

Nach dem Baden am Fluss. Foto: Ilkay

Nach dem Baden am Fluss. Foto: Ilkay

Das Baden hat uns träge gemacht. Wir liegen faul in der Sonne, warten bis unsere Klamotten, das Zelt und unsere Schlafsäcke trocken sind und essen unterdessen Unmengen Tortilla-Fladenbrote, die wir mit allem belegen was wir haben. Käse, Schokolade, Nüsse, getrocknete Mangos. Da wir am Tag zuvor einkaufen waren, gibt es sogar noch eine Banane, die zusammen mit der geschmolzenen Schokolade und dem Fladenbrot wie Bananen-Crèpes schmeckt. Über was man sich freuen kann wenn man richtig hungrig ist... Nach der Mittagspause am American River geht es, man glaubt es kaum, den ganzen Hügel wieder rauf. Der Pfad ist schmal und führt ausschließlich durch dicht bewachsenes Gelände. Es dämmert und ich finde den Wald ein bisschen gruselig. Seltsam, dass man sich immer nach Freiheit und unberührter Natur sehnt und wenn man mittendrin steckt, beginnt man sich Gedanken über Bären zu machen und freut sich auf das nächste Café mit Wlan.

Wir übernachten mitten im Wald und tragen zum ersten Mal unsere Lebensmittel in einem wasserdichten Sack ein Stück vom Lager weg, um die Tiere nicht abzulocken. Wer weiß, was hier nachts des Wegs kommt. Ist das hier eigentlich schon Bärengebiet?

Als wir aufwachen ist es unerwartet warm. Wir schauen nach oben und sehen dicke Wolken über uns, es sieht nach Regen aus. Zum Glück sind es nur noch 15 Kilometer nach Foresthill und das Zelt ist schon sicher verstaut, als es zu tröpfeln beginnt. Nach dem Aufstieg am Abend müsste es jetzt im Prinzip nur noch an der Höhenlinie entlang gehen. Aber Foresthill würde wohl nicht Foresthill heißen, wäre es nicht wirklich ganz weit oben auf einem Hill, mitten im Forest. Wir stapfen also weiter fröhlich den Berg hinauf und sind ganz schön platt und hungrig, als wir oben ankommen. Direkt an der Hauptstraße befindet sich die Ranger-Station, die für das ganze Waldareal in der Umgebung zuständig ist. Da wir den Sierras schon ziemlich nahe sind und nicht wissen wie viel Schnee dort liegt, beschließen wir uns nach dem Wetter zu erkundigen. Der Ranger, ein gut aussehender, bärtiger Typ Mitte 30 teilt uns bedauernd mit, dass es nur wenige Meilen weiter nördlich in der kommenden Nacht 30cm Neuschnee geben soll und die Sierras zu Fuß im Moment unpassierbar sind. Zum Glück haben wir nachgefragt... "Alternativ könntet ihr der Yankee Jims Road folgen, die nach Colefax führt. Von dort aus fahren die Busse nach Truckee oder Reno!" erklärt uns der Ranger. Was bleibt uns anderes übrig. Die Yankee Jims stellt sich als eine schöne, ungeteerte, alte Verbindungsstraße heraus, die in ein Tal hinabführt und dort den North Fork des American Rivers überquert. Es gibt sogar eine Hängebrücke, die wippt, wenn man hüpft und einen Höllenlärm macht, wenn ein Auto darüber fährt. Weil uns der Fluss gut gefällt und sich das Ufer als Lagerplatz anbietet, beschließen wir unser Zelt in der Nähe des Wassers aufzubauen.

Die Hängebrücke. Foto: Friedi

Die Hängebrücke. Foto: Friedi

D'Artagnan auf der Hängebrücke. Foto: Friedi

D'Artagnan auf der Hängebrücke. Foto: Friedi

Unser Lagerplatz am Ufer des American Rivers. Foto: Ilkay

Unser Lagerplatz am Ufer des American Rivers. Foto: Ilkay

Was weiter nördlich in Form von Schnee vom Himmel kommt erwischt uns in der kommenden Nacht eiskalt. Es regnet ohne Unterlass und so stark, dass wir Angst haben unser Zelt könnte absaufen. Ilkay rutscht immer weiter zu mir rüber. Die Fläche auf der unser Zelt steht ist leicht abschüssig und auf seiner Seite kommt langsam aber sicher immer mehr Wasser durch den Zeltboden. Alles wird nass.

Wir trösten und mit dem Gedanken, dass wir am Abend ein günstiges, warmes Hostelzimmer in Truckee haben werden und dort alle Sachen trocknen können. Von wegen. Truckee stellt sich als Skiort mit Schweizer Preisen heraus. Es gibt eine Pizza zum Abendessen, weil wir hier zwischen Bars und überteuerten Boutiquen schlecht unseren Kocher auspacken können und ein Hotelzimmer für 100$ pro Nacht. Wer konnte denn auch ahnen, dass hier gerade Skiferien sind. Enttäuscht und mit leeren Geldbeuteln nehmen wir am nächsten Morgen den Bus nach Reno. Hier in Truckee liegt nämlich auch Schnee und der macht das Wandern und vor allem das Übernachten im Zelt unmöglich. Das einzig gute an der Irrfahrt nach Truckee war wohl, dass wir uns beim Couchsurfing-Portal angemeldet und so eine Schlafgelegenheit in Reno gefunden haben. Die Busfahrt dort hin dauert keine 40 Minuten und führt uns durch die wunderschönen, eingeschneiten Sierras. Man, da verpassen wir wirklich was. Hier zu wandern wäre bestimmt unglaublich gewesen.

Friedi im Greyhound Bus. Foto: Ilkay

Friedi im Greyhound Bus. Foto: Ilkay

Sierra Nevada. Foto: Friedi

Sierra Nevada. Foto: Friedi

In der Stadt erwartet uns eine bizarre Mischung aus Casinos und Obdachlosen, wie man sie in den meisten amerikanischen Großstädten findet. Vor allem am Busbahnhof werden wir beäugt und wünschen uns schnell die Kameras wären in den Rucksäcken verstaut. Nach 10 Minuten kommt der Bus, der uns nach Sparks bringt, wo unser Couchsurfer wohnen soll. Wir haben noch ein bisschen Zeit, weil er bis 17 Uhr arbeitet und überlegen gerade wie wir die restlichen drei Stunden totschlagen sollen, als Ilkay auf seinem iPad den Weg nachschaut. "Puh, Friedi...das sind irgendwie immer noch 13km zu Matthew. Der scheint nicht in Sparks zu wohnen sondern ein ganzes Stück weiter nördlich!" Uns bleibt nichts anderes übrig als den Weg zu Fuß zu gehen, denn wer so weit außerhalb wohnt hat immer ein Auto. Oder fünf. Busse fahren hier eher keine. An einer großen Straße finden wir einen Donut-Laden, in den wir eigentlich nur reingehen, um die Toilette zu benutzen. Da der einzige Gast und der Verkäufer aber sehr nett sind, verbringen wir fast zwei Stunden dort und bekommen am Ende sogar noch eine Tüte Gratis-Donuts mit auf den Weg. Man bin ich voll! So viele Donuts habe ich noch nie gegessen.

Als wir endlich bei unserem Couchsurfer ankommen ist es schon dunkel. Wir werden mit Taccos verwöhnt und bekommen ein riesiges Bett und ein eigenes Bad. Das ist hier eher wie Bed & Breakfast, als Couchsurfing! Wir dürfen sogar unsere Wäsche waschen und werden am nächsten Tag zur Mall kutschiert, in der Ilkay neue Stiefel kauft. Jetzt sind wir voll auf Salomon Boots unterwegs. Matthew finden wir nach dem Bezahlen der Boots eine Etage höher in der Waffenabteilung. Sie scheint die beliebteste der ganzen Mall zu sein. Man fühlt sich wie auf dem Wasen an der Schießbude. Hie bekommen schon die Kleinsten eine BB-Gun in die Hand gedrückt und üben an Plastikgänsen und anderen Utensilien, die an einer Wand hängen das Schießen. Ganz schön skurril. Matthew drückt mir eine rosa Schrotflinte in die Hand, macht ein Foto und erklärt währenddessen, dass Nevada der Bundesstaat mit den meisten Waffen pro Kopf ist und, dass man die Dinger kaufen kann indem man seinen Führerschein vorzeigt. Ok. Der Ausflug in den Waffenladen geht quasi nahtlos in einen Casino-Besuch über. Hier verzocke ich 20 Dollar von Matthews Bruder, der mit seiner Freundin zu uns stößt. Die beiden sind supernett und laden uns auf ein Bier ein. Dass ich eben innerhalb von wenigen Minuten seine 20 Dollar verspielt habe scheint den Bruder nicht zu stören. Ganz im Gegenteil. Er schiebt weiter 100 Dollar in den Automaten und zieht kurze Zeit später einen Bon über 200 Dollar heraus. Wir werden zum Sushi-Essen eingeladen.

Auf dem Weg zu unserem Couchsurfer. Foto: Ilkay

Auf dem Weg zu unserem Couchsurfer. Foto: Ilkay

Hotel in Reno. Foto: Friedi

Hotel in Reno. Foto: Friedi

Bemalte Hauswand in Reno. Foto: Ilkay

Bemalte Hauswand in Reno. Foto: Ilkay

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