Tag 1, 04:05 Uhr örtliche Uhrzeit. Es ist gerade mitten in der Nacht hier in Atlanta und ich kann nicht schlafen. Friedis Handy vibriert dauernd und sie schläft wie ein Stein, aber ich lasse sie träumen. Der Tag war anstrengend.

Noch nie war ich so unaufgeregt vor einem Flug. Der Mann im Gang neben mir scheint Angst zu haben und meditiert oder vielleicht schläft er auch in Gebotspose. Aber das macht mir auch nichts. Alter, hab' ich eine hässliche Schrift.

Friedi zappelt auf ihrem Sitz im Flieger. Ich muss das jetzt sechs Monate mit ihr aushalten. Im Flieger ist es echt eng oder meine Beine sind zu lang, nein nicht Ryan Air, British Airways. Meine Stiefel will ich nicht ausziehen, dafür bin ich zu faul. In meinem Jutebeutel befinden sich drei Tomate-Mozzarella-Brötchen und ich habe Appetit. Ich habe immer Appetit, einen nie endenden Appetit. Meistens esse ich, obwohl ich seit Ewigkeiten gesättigt bin, einfach weiter. Danach bereue ich es, da ich mich kaum noch bewegen kann und erst einmal schlafen will.

"Oft sind es die kleinen Momente einer Reise, die am stärksten in Erinnerung bleiben und umso kostbarer sind. Notieren Sie die schönsten Momente Ihrer Reise und halten Sie sie fest! Mit Checkliste, Zitronenkarte, oh, Zeitzonenkarte und Landesvorwahlen." Steht auf meinem Notizbuch und ich erzähle euch was von meinem Appetit. Ah, die Stewardess kommt. Mal überlegen, was trinke ich? Ein Bier! Dann langweilt sich das überteuerte Pils vom Stuttgarter Flughafen nicht. Ja, wir haben um zehn Uhr schon ein Bier getrunken aber die nächsten 6 Monate wird es nur Pisswasser schlechtes Bier geben, wenn man den Klischees glaubt.

Letzte Brezel und Bier in Stuttgart. 

Letzte Brezel und Bier in Stuttgart. 

Die Stewardess redet mit mir, durch den Druck auf meine Ohren verstehe ich kein Wort und bestelle mir einen O-Saft. Friedi ebenfalls. Ms Kiri bietet uns Kekse und Chips an, ich entscheide mich für ersteres, Friedi für letzteres. "Do you want eggs?" Man, diese Airlines werden auch immer komischer. Wer hat denn bitte Kekse, Chips und Eier im Angebot? "Ice!", ruft Friedi, wir drei lachen. Nein, ich mag kein Eis in meinem O-Saft. Turbulenzen. Ich kann nicht weiter schreiben, meine Schrift wird noch schlimmer. Lesen kann ich das auch nicht mehr. Dann esse ich jetzt ein Tomate-Mozzarella-Brötchen.

Friedis Silhouette in Heathrow. 

Friedis Silhouette in Heathrow. 

Passkontrolle London Heathrow. "Hello!" - "Hello!", antwortet mir ein Mann vom Flughafenpersonal, den wir bei einem Gespräch mit seiner Kollegin unterbrochen haben. Er ist vermutlich jünger als wir, rote Haare, Pickel, überprüft unsere Reisepässe und händigt sie uns anschließend aus. "Crocodile!", verstehe ich, da ich immer noch Druck auf den Ohren habe. Mittlerweile haben sich zum Druck noch Kopfschmerzen und Müdigkeit dazugesellt. Zwei Stunden Aufenthalt, wir nehmen Platz und dösen.

Zwei Stunden später. Boarding Time! Jetzt geht es los. Ich war noch nie in Amerika und noch nie bin ich so lange über Wasser geflogen. Das war immer meine größte Angst. "Mr. Karakurt?", fragt ein anderer Mann vom Flughafenpersonal. Indischer Akzent. "Yes.", antworte ich wahrheitsgemäß. "...extra security check. Please, follow me." Ach, man, ernsthaft? Ich habe mich extra rasiert. Hätte ich mich komplett rasieren müssen, wie Friedi? Mein Handgepäck wird durchsucht, alles muss raus. Ich muss mich nackig machen. Spaß! Nur meine Stiefel ausziehen. Ich werde ein weiteres Mal gefilzt. "What's that for?", die Frau zeigt auf meinen Blasebalg, der wie eine Rakete mit dickem Bauch aussieht. Ich erkläre es und darf wieder alles einpacken. "May I ask why there is an extra security check for me?" Eine Anfrage aus den USA. Homeland Security, ich soll in Atlanta nachfragen. Homeland, krasse Serie. Jetzt habe ich schlechte Laune und ein mulmiges Gefühl. Was machen die in den Staaten mit mir? Waterboarding, Guantanamo und andere Begriffe gehen mir durch den Kopf. Im Flieger gibt mir Friedi meinen Atomsprengkopf wieder zurück. Sie wurde nicht kontrolliert. Soll einer diesen lächerlichen Check verstehen. "Bridge of Spies", "The Martian" (das Buch ist super) und meine Musik lenken mich während dem Flug ab. Unter uns der Atlantik, in der Reihe neben uns ein Mann, der so laut schnarcht, dass er die Schüsse und Explosionen aus den Filmen übertönt.

Draußen sehen die Wolken und die Wellen wunderschön aus. Halt, das sind weder Wolken noch Wellen, das ist Eis überdecktes Land. Das Entertainmentsystem zeigt mir den Standort an. Die kanadische Küste! Land in Sicht!

Kanadische Küste. Foto: Friedi

Kanadische Küste. Foto: Friedi

Kanadische Küste. Foto: Ilkay

Kanadische Küste. Foto: Ilkay

Friedis dickes Kinn im Profil. Foto: Ilkay

Friedis dickes Kinn im Profil. Foto: Ilkay

Wolken. Foto: Friedi

Wolken. Foto: Friedi

Einige Stunden später. So, es geht los. Letzte Passkontrolle. Mal schauen ob sie mich reinlassen. Im Flughafen riecht es ein wenig modrig und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Vor uns eine CSU-konforme Familie. Vater, Mutter, Kleinkind. Keine 10 Minuten und sie dürfen weiter. Der Officer nickt uns zu und wir treten vor. "Hey, how you doin'?" Wir sind aufgeregt. "Good evening." Unsere smalltalk Skills sind noch auf Level 0. Officer H. fragt uns einiges, währenddessen er lässig auf der Tastatur herumhämmert. Ich bin mir nicht sicher ob er mit seiner Frau schreibt oder das Gespräch protokolliert. Die Zeit vergeht und ich merke, dass das gerade wieder ein "extra security check" wird. Wir werden ausgefragt, unser Gepäck interessiert niemanden. Ich frage nach. Das sei normal, wenn man bestimmte Länder bereist wird automatisch ein Vermerk angelegt. In meinem Fall die Türkei. Zweimal 2015. Die momentane türkische Regierung fährt den Karren noch gegen die Wand, wenn das so weitergeht. Mittlerweile ist unser Officer sehr interessiert an unserer Reise, ich gebe ihm die Adresse zu unserem Blog. "You have to see another officer, it's protocol. Follow me." Na, toll, nochmal alles erzählen. In einem Warteraum dürfen Friedi und ich Platz nehmen. Fotografieren ist hier verboten. Wir sind müde und durstig, das Wasser aus dem Wasserhahn schmeckt chemisch. Es sind noch andere im Raum, irgendwann bin ich an der Reihe. Friedi muss warten. Officer D. ist jetzt mit Fragen an der Reihe. Lässiger Typ, Anfang 30, hängt auf seinem Stuhl. Er wirkt anfangs noch desinteressierter als Officer H.. Er ist misstrauisch, ich bin aufgeregt, lasse mir aber nichts anmerken. Der Boden bebt regelmäßig wie bei einem Erdbeben. Ich frage nach, um entspannt zu wirken. Es sind nur die Laster, die über uns auf der Rollbahn verkehren. Mittlerweile ist über eine Stunde vergangen. Wie lange ist der Trail, wieso war ich zwei mal in der Türkei, wann bin ich nach Deutschland gekommen, wieso habe ich einen deutschen Pass, wann fliegen wir heim, haben wir einen Blog und ihr wollt wirklich zu Fuß von der Westküste zur Ostküste? D.'s Misstrauen weicht langsam Interesse. Benutzen wir Social Media? Ich soll unseren Instagram und FB Account aufschreiben. Ist das jetzt privat für ihn oder täuscht er mir das vor? Ist mir auch egal. Er wirkt zuversichtlich. Ich soll Friedi holen und auch sie wird noch kurz gefragt. Wie lange warst du schon mal wandern, wo warst du wandern und so weiter. "Ok, welcome to the United States. Have save trip." YES! Wir sind drin. Es beginnt also und wir müssen doch nicht zurückfliegen. Jetzt schnell zu unserer Schlafmöglichkeit in Atlanta. Taxi. Ein roter Honda Odysee, nicht so ein gelbes wie in den Filmen. 35$ zeigt das Taximeter, der Fahrer sagt 40$ und erzählt uns was von Flatrate. Wir sind platt, wollen schlafen und geben ihm resignierend das Geld. Joja empfängt uns herzlich und wir machen uns breit. An diesel Stelle: Thank you so much for having us Joya and Jonathan! Stockbetten! Bunk beds wie man im angelsächsischen sagt. Ich schlaf unten!

Bunk bed Friedi. 

Bunk bed Friedi. 

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