Tag 2
Author: Friedi

Erster krasser Hiking-Day in Atlanta

Wir sitzen im Auto auf dem Weg zum Outdoor-Laden REI und Jonathan, der uns hinbringt sagt: "Jeder fährt hier Auto, deshalb ist das Schienennetz so verdammt schlecht ausgebaut. Wir Amerikaner fahren wirklich überall mit dem Auto hin, der Sprit ist einfach zu billig."

Ilkay hält die Balance. Foto: Friedi

Ilkay hält die Balance. Foto: Friedi

Da ist es kein Wunder, dass wir einige Stunden später vor unserem ersten American-Pedastrian-Problem stehen, einer sechsspurigen Autobahn, die von Westen nach Osten verläuft und uns daran hindert nach Hause zu kommen. Hier muss erwähnt werden, dass jede Fahrtrichtung sechsspurig ist. Wie schnell man in München wäre, hätte die A8 derart viele Spuren! Ratlos stehen wir also vor dem Highway. Ilkay zückt sein iPad, das ganz neu ist und uns schon jetzt gute Dienste leistet, schließlich bringt er es fertig darauf ellenlange Blogeinträge zu schreiben, während ich schlafe. "Weiter gerade aus, da müsste eine Unterführung kommen", sagt er nach einem prüfenden Blick auf die Karte. Also trotten wir neben der Straße her, einen Gehweg gibt es nicht. Nach 15 Minuten erreichen wir die Unterführung und laufen gefühlte weitere 15 Minuten durch sie hindurch. Dieser Gewaltmarsch- bestimmt der strapaziöseste unseres Amerika-Trips- geht uns derart an die Substanz, dass wir beschließen erst einmal etwas zu essen. Dieser Entschluss stellt uns vor Problem Nummer zwei: Wir befinden uns in einem Industriegebiet, keine Menschenseele ist zu sehen und vor uns offenbart sich uns die erste Fastfoodmeile unseres Trips. Es gilt also zu entscheiden, wo wir das Essen bekommen, das und am langsamsten umbringt. Mc Donalds? Burger King? Fettige, frittierte Chickenwings? Wir entscheiden uns für einen Potato- und einen Cinnamon-Bagel, beide nur mit Butter belegt, wir sind ja schließlich 1 1/2 Schwaben (und ein halber Türke). Es schmeckt ok.

Unser Weg führt uns weiter, immer dem iPad nach Richtung Süden. 14km sagt die Karte- machbar. Nach einer kleinen Ewigkeit sind es noch 11km, wir haben wohl zu viele Fotopausen eingelegt, aber hier gibt es einfach so verdammt viel zu sehen! Besonders gut gefällt uns ein ziemlich langes Parkstück, Lenox-Park, das leicht hügelig ist, in dem hohe Bäume wachsen und in welchem kleine, für die Region typische Häuschen stehen.

Haus mit gelbem Gras. Foto: Friedi

Haus mit gelbem Gras. Foto: Friedi

Bald beginnt ein Studentenviertel- davon gehen wir zumindest aus, da sich Bars an kleine Läden reihen und viele junge Leute zu sehen sind. Just in dem Moment in dem wir denken, dass uns Atlanta immer besser gefällt beginnt es zu regnen. Zum Glück haben wir an unsere Regenponchos gedacht. Meiner hat mich schon verschluckt und ich stehe da, wie ein kleines rotes Zelt mit Kopf, während Ilkay noch in seinem Rucksack wühlt, weil ich all unsere Einkäufe auf den Poncho gestapelt habe- wer konnte denn auch ahnen, dass es zu regnen beginnt? Als Ilkay den Poncho anhat hört es schlagartig wieder auf, so ist es ja immer. Aus Faulheit behalten wir unsere Zelte dennoch an und begegnen kurz darauf einer Frau, die lachend zu uns sagt: "Ey, cool ponchos guys!"- selbstverständlich hat sich selbst auch einen an. Die Leute sind schon gut drauf hier, auch wenn wir noch nicht wissen, was man auf die Floskel "Hey, how are ya?" antwortet. Die wollen das doch wohl nicht ernsthaft wissen?

Irgendwann durchqueren wir einen kleinen Park. Er ist maximal 50m breit, links ein Wohngebiet, rechts ein Highway und vor uns auf dem schmalen, geteerten Weg, links am Wegrand ein Schild mit der Aufschrift "Stone Mountain Trail". Yeah, unser erster Trail! Aber wollen die uns verarschen? Welcher Stone? Welcher Mountain? Welcher Trail? Das ist ein Radweg!

Der erste "Trail" ist geschafft! Distanz: 2.28 Meilen. Foto: Ilkay

Der erste "Trail" ist geschafft! Distanz: 2.28 Meilen. Foto: Ilkay

Um 18 Uhr kommen wir in Cabbagetown an. Da wir nahe am Verdursten und Verhungern sind fragen wir eine Nachbarin, die wir zufällig auf der Straße vor dem Haus treffen nach einem Supermarkt. Sie ist sehr nett und erklärt uns hilfsbereit den Weg zu "Little", einem Laden der keine quarter-mile vom Haus entfernt liegt. Natürlich will sie noch wissen wie es uns nach Atlanta verschlagen hat und was wir vorhaben. Nach einem ausführlichen Bericht unsererseits macht sie große Augen und gratuliert uns zu unserem verrückten und tollen Plan. Sie würde so etwas ja furchtbar gerne auch machen, jedoch mache sie das Wandern "grumpy" und Zelten und Nichtduschen sei generell nicht ihr Ding. Sie lacht.

Wir rennen die Straße zu "Little" hinunter und fühlen uns herrlich frei, weil wir unsere Kameras und das restliche Gepäck in der Wohnung gelassen haben. "Little" entpuppt sich als wirklich little. Es ist eigentlich ein Burgerladen mit einigen Holzregalen, die mit seltsamen, amerikanischen Lebensmitteln gefüllt sind, an die wir uns wohl noch gewöhnen müssen. Wir entscheiden uns für Nudeln mit Pesto und einem Sixer Bier. Das Ganze kostet 20 Dollar, das Bier ist wirklich teuer hierzulande. Die Nudeln übrigens auch. Und wo ich schon dabei bin: ein kleines Glas Pesto 5 Dollar?

Zurück in der Wohnung lassen wir den Abend gemütlich bei unserem Bier ausklingen und sind, um es kurz zu machen, ziemlich schnell ziemlich angetrunken- dieses Ale hat nämlich 7,5 Umdrehungen.

Guter Empfang. Foto: Friedi

Guter Empfang. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Tag 3 Author: Ilkay

Musik: Sandlotkids - Colors

Es ist 13:44 Uhr in Chicago. Friedi und ich sind hier vor kurzem gelandet. Unser Flieger von Atlanta hatte Verspätung. Eine Stunde oder sowas aber das ist nicht weiter schlimm, da wir erst um 15:20 Uhr weiter nach Oakland fliegen. Also 2,5 Stunden Aufenthalt. Ach, verdammt, die Uhr an der Wand sagt es ist eine Stunde früher. 3,5 Stunden. Bei so viele Zeitzonen, wie wir überschreiten, verliert man schnell den Überblick. Wir sind also in diesem Terminal "eingesperrt", Essen und Getränke sind unverschämt teuer. Acht Dollar für ein Sandwich, das aussieht als hätte ich es letzte Woche in Frischhaltefolie eingepackt, ganz unten in meinem Rucksack verstaut und wäre damit um die halbe Welt geflogen. Dass die Leute irgendwann Hunger und Durst bekommen, wird hier dreist ausgenutzt aber das ist ja nichts Neues. Tankstellen an Autobahnen funktionieren nach dem selben Prinzip. Mal schauen wie lange unser Wrap, vom Flughafen in ATL, unseren Hunger stillt. Friedi schreibt gerade an ihrem Blogeintrag. Ich bin gespannt. Mit ihr zu fliegen ist echt lustig. Sie wird im Flugzeug unglaublich müde und bekommt den Start meist gar nicht mit, als wäre sie bewusstlos. Dabei ist das doch der beste Teil. Wenn der Pilot Vollgas gibt, man angenehm in den Sitz gepresst wird, den Kontakt zum Boden verliert, schnell an Höhe gewinnt und die Skyline, in diesem Fall von Atlanta, noch einmal sieht.

Letzter Blick auf Atlanta. Foto: Ilkay  

Letzter Blick auf Atlanta. Foto: Ilkay  

OK, hier riecht es nach Essen. Irgendetwas fettiges. Ich muss mich ablenken. Ich erzähle euch einfach ein bisschen von gestern, unserem einzigen kompletten Tag in Atlanta. Passt das, wenn ich euch im Plural anspreche? Hoffentlich gibt es noch jemanden außer meiner Tante in Istanbul, der diesen Blog verfolgt. Jemanden, der die Texte liest, denn sie kann kein Deutsch. Also, Atlanta. Jonathan, bei dem wir netterweise nächtigen durften. Moment, ich muss kurz Platz machen, hier will gerade eine Frau die Fenster neben mir putzen. Ah, da ist noch etwas. Jep, Fenster ist sauber. Jonathan, unser Gastgeber hat uns angeboten, uns zu einem Outdoor-Geschäft zu fahren. Eigentlich wollten wir laufen aber er war sehr überzeugend. "I know you're tough but you'll walk enough the next six months...", womit er Recht hat. Dort angekommen, schauen wir uns um. Mir fehlt noch einiges an Equipment, ich hatte das aufgeschoben, da ich die Preise online verglichen habe und es in den Staaten günstiger ist. Dachte ich. Falsch gedacht. Der Kurs hat sich geändert und die Preise waren fast identisch. Zack, für 620 Dollar geshoppt. Alles was man so in der Natur brauchen könnte. Wasserfiltersystem, Wanderstöcke, Seil, eine japanische Tasse aus Titan für 35 Dollar - Ich konnte nicht widerstehen - Socken, Seesäcke, Daunenweste, ja, genau diese hässlichen, die gerade so in sind aber was soll's, die hält mich in den Rockies warm und einige andere Sachen. Glücklicherweise hatte ich meinen Wanderrucksack dabei. Dieser war nun randvoll. Friedi und ich waren uns einig, dass wir nach Hause laufen. Öffentlichen Verkehrsmittel? Fehlanzeige. Der Amerikaner war in den 50ern der Meinung, dass das Auto die Zukunft ist. Also haben wir jetzt sechsspurige (In beide Richtungen) Autobahnen quer durch die Stadt, ein verkümmertes System für öffentliche Verkehrsmittel und praktisch keine Gehwege für Fußgänger. Da vermisse ich sogar den überteuerten VVS in Stuttgart. Dieser Saftladen. Wie auch immer, auf allen Geräten haben wir Offlinekarten, auch auf meinem iPad. Wir haben die Adresse eingegeben, uns die Route angeschaut und sind los. Erstes Hindernis, eine sechsspurige Autobahn, umgeben von doppelspurigen Straßen auf beiden Seiten. Traumhaft. Glücklicherweise gab es eine Unterführung in ein paar hundert Metern Entfernung.

Friedi in der Unterführung. Foto: Ilkay

Friedi in der Unterführung. Foto: Ilkay

Das Stadtbild, das uns umgibt, war eher industriell, überall schwarzer Asphalt, niedrige Bürogebäude oder Fabrikhallen, jedoch keine Menschenseele. Arbeitet ihr überhaupt jemand? Alles wirkt ein bisschen trist. Riesige Pickups, àla Ford F350 fahren vorbei. Natürlich alle mindestens mit sechs Zylindern, eher acht. Da ist es schon verständlich, das ein VW eine richtige Dreckschleuder ist.

An einer Ampel warten wir ungelogen knappe 10 Minuten um eine, ihr erratet es, sechsspurige Straße zu überqueren. Mittlerweile ist dem Industriegebiet ein Wohngebiet gewichen. Die Natur nimmt hier wieder mehr Platz ein. Wir sind umgeben von hohen Bäumen und kleinen Bungalows, ab und zu erscheinen kleine Anwesen zwischen den Bäumen. Komischerweise haben die meisten Häuser ihre Rollläden unten. Der Anzahl an Eichhörnchen nach zu urteilen, hat hier jedes Haus sein eigenes Eichhörnchen. Des weiteren ist das Gras hier nicht grün, sondern gelb.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Laut Karte kommen wir gleich auf einen Trail. Stone Mountain Trail. Mitten in Atlanta. Was das wohl sein wird? Leider haben wir nicht an Wasser gedacht, da wir davon ausgegangen sind, das alle 10 Meter ein Supermarkt oder ein Fastfood-Restaurant auftauchen wird aber dem war ganz und gar nicht so und wir waren ziemlich durstig. "German backpackers died of thirst in Atlanta." Nein, so schlimm war es auch nicht aber so ein Sprudel wär scho was feines. Moment, Friedi packt gerade die Rittersport aus. Dunkle Vollnuss. Weiter geht's. Wir haben nicht auf die Route geachtet und sind ein Stück zu weit gelaufen aber wir sind unserem Ziel schon ziemlich nahe. Künstlergegend, alternativ, coole Architektur, viele kleine Shops, in denen das Handwerk wieder aufblüht. Barbiere, Mode-Boutiquen...

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Smalltalk Skills Level 1. Wir haben uns an die ständigen Smalltalk-Angriffe der einheimischen Bevölkerung gewöhnt, wenn wir eine dieser Situationen antizipieren können, kontern wir meist gekonnt mit einem "I'm fine. How are you?". In dieser Gegend sind wir jedoch in einen Hinterhalt geraten. Aus einem kleinen Fahrradladen "The Spindle", vor dem hippe Rennräder stehen ertönt ein "Hey guy's, how you doin?" Aus mir schießt nur ein "Servus!". Wir verlassen das Schlachtfeld. Darauf war ich nicht vorbereitet. Cabbagetown. Fast daheim.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Boarding Time. Gleich geht's los nach Oakland. Friedi hat etwas zu essen gekauft, damit wir unterwegs nicht verhungern. Vier Stunden Flug liegen vor uns. Ein Burger und eine Pommes. Wir teilen brüderlich.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

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