Circleville, das Dorf in dem wir gestrandet sind, besteht, wie fast alle Dörfer hier in Utah, aus einer Main street mit etwa 10 Farmhäusern, einem winzigen Café und einigen Motels, von denen nur ein einziges geöffnet hat. Zu unserem Leidwesen scheint das Office unbesetzt zu sein. Ein Zettel mit dem Namen Kelli und einer Telefonnummer klebt an der Glasscheibe, doch wir haben keinen Handyempfang. Im Haus gegenüber brennt Licht und wir beschließen nach einem funktionstüchtigen Telefon zu fragen. Devon, der freundliche Nachbar, hilft uns Kelli ausfindig zu machen, indem er alle möglichen Leute aus dem Dorf anruft, während wir im Wohnzimmer stehen und versuchen den Teppich des Katalog-Hauses nicht übermäßig mit Dreckklümpchen zu beschmutzen. Nach 20 Minuten trifft Kelli am Motel ein. Sie ist äußerst sympathisch und sehr an unserem Trip interessiert. Wir bekommen 20% Rabatt auf das Zimmer und am nächsten Morgen ein herrliches Frühstück. Außerdem bietet sie uns, weil wir so kaputt und bedürftig aussehen, eine Gratis-Nacht an, die wir nur zu gerne in Anspruch nehmen. Nach dem Ruhetag im Motel geht es auf dem Highway nach Antimony. Hier treffen wir einen Cowboy in unserem Alter, der mit seinem, nach Verwesung stinkenden Hund (er hat sich in etwas Totem gewälzt) den Schotterweg in die Berge hochfährt, um seinen freien Tag zu genießen. Gemeinsam machen wir ein Lagerfeuer, trinken Bier und der Cowboy erzählt uns ziemlich viele Geschichten, die fast alle damit enden, dass er einen großen, starken Typen verprügelt.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Kaputter Bus neben kaputter Tankstelle. Foto: Ilkay 

Kaputter Bus neben kaputter Tankstelle. Foto: Ilkay 

Schade, dass unsere Kletterschuhe zu Hause liegen. Foto: Ilkay

Schade, dass unsere Kletterschuhe zu Hause liegen. Foto: Ilkay

Friedi ist unter die stone hunter gegangen. Foto: Ilkay

Friedi ist unter die stone hunter gegangen. Foto: Ilkay

Schöne Steine, schöne Farben. Foto: Friedi

Schöne Steine, schöne Farben. Foto: Friedi

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Die nächsten zwei Tage werden hart. Es geht direkt tausend Höhenmeter hinauf und bald ist es wieder so kalt, dass Schnee unseren Weg bedeckt. Da bleibt uns nichts anderes übrig als die Schneeschuhe anzuziehen. Die Dinger gehen uns wirklich gewaltig auf die Nerven. Oben auf dem Berg erwartet uns glücklicherweise ein Hochplateau, auf dem wir schneller vorankommen, als gedacht. Das einzige Problem ist der Wind, der von Minute zu Minute stärker wird und immer dickere, schwärzere Wolken in unsere Richtung treibt. Schon bald beginnt es zu schneien und hageln und wir kämpfen uns immer weiter vorwärts. Als es Zeit wird das Zelt aufzubauen finden wir eine relativ geschützte Stelle neben einer Baumgruppe. Hier windet es zwar nicht ganz so stark, aber die Temperaturen sinken in der Nacht dennoch auf -8 Grad im Vorzelt und dort ist es meist immer noch wärmer als draußen. Die Kälte kriecht von unten durch die Isomatten und durch unseren Atem gefrieren die Zeltwände und unsere Schlafsäcke. Ganz schön ungemütlich! Sogar Ilkay friert in seiner zu kurzen (langen) Unterhose und den Wollsocken, die er nachts immer trägt.

Ganz schön steil hier! Foto: Friedi

Ganz schön steil hier! Foto: Friedi

Noch ist die Stimmung gut. Foto: Ilkay

Noch ist die Stimmung gut. Foto: Ilkay

Weltuntergang auf 2800m Höhe. Foto: Ilkay

Weltuntergang auf 2800m Höhe. Foto: Ilkay

Jetzt ist die Stimmung nicht mehr ganz so gut. Foto: Ilkay

Jetzt ist die Stimmung nicht mehr ganz so gut. Foto: Ilkay

Ilkay im Schneesturm. Foto: Friedi

Ilkay im Schneesturm. Foto: Friedi

Am nächsten Morgen beschließen wir die 25km Luftlinie nach Loa so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Nur keine weitere Nacht in dieser Kälte! Es geht weiter über das Hochplateau und dann sanft abwärts ins nächste Tal. Mit jedem Höhenmeter wird es wärmer und schon nach etwa 10 Kilometern können wir die Schneeschuhe wieder in unseren Rucksäcke verstauen.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Erst am Abend erreichen wir die Stadt Loa und stellen enttäuscht fest, dass wir hier weder etwas zu essen noch einen günstigen Schlafplatz bekommen. Ein winziger Mexikaner, den wir auf der Straße ansprechen, fährt uns glücklicherweise nach Torrey, das einige Meilen weiter östlich liegt. Hier bekommen wir eine Pizza, die zwanzig Dollar kostet und auf einem Pappteller serviert wird. Unglaublich was für unmögliche Sachen hier möglich sind. Die Nacht verbringen wir hinter der Pizzeria am Rande des Capitol Reef Nationalparks.

Schafe in Loa. Foto: Friedi

Schafe in Loa. Foto: Friedi

Unser Schlafplatz hinter der Pappteller-Pizzeria. Foto: Ilkay

Unser Schlafplatz hinter der Pappteller-Pizzeria. Foto: Ilkay

Der Nationalpark ist weniger populär, als beispielsweise der Yosemite Park oder der Bryce Canyon aber auch sehr schön. Man passiert einige historische Stätten, wie das Örtchen Fruita, das im 19. Jahrhundert von mormonischen Siedlern gegründet wurde. Besonders das Schulhaus gefällt uns, da es etwa die Größe eines kleinen Wohnzimmers hat und komplett aus Holz besteht. Auch die Obstplantagen aus der frühen Siedlerzeit sind erhalten. Sie blühen im Moment und bilden einen krassen Kontrast zu den hochaufragenden, roten Gesteinsformationen. Außerdem sind an den Steinwänden einige Petroglyphen zu finden, die aus der Zeit zwischen 600 und 1300 n. Chr. stammen.

Wir durchqueren den Nationalpark und zelten auf der anderen Seite auf einem Schotterweg.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Das winzige Schulhaus von Fruita. Foto: Ilkay

Das winzige Schulhaus von Fruita. Foto: Ilkay

Die Landschaft ist, seit wir den Nationalpark verlassen haben nicht mehr so schön und wir haben bis nach Cainville etwa 17km vor uns. Ein ganz schöner Gewaltmarsch, wenn man bedenkt, dass wir dort erst unsere Mittagspause machen wollen. Nach 13km hält ein Auto und eine Frau ruft aus dem Fenster: "You guys wanna ride?" Klar, wollen wir mitfahren, ich bin am verhungern! Das Auto ist klein und so voll, dass wir mit unserem Gepäck kaum hineinpassen, wobei unsere Fahrerin alleine den linken vorderen Teil des Autos mit ihrer Körpermasse ausfüllt. Wir erklären ihr, dass wir gar nicht lange mitfahren wollen, nur bis Cainville, das etwa 4km entfernt sein müsste. Eine viertel Stunde hält sie in Hanksville. Cainville scheinen wir verpasst zu haben - wie verflucht klein manche Dörfer hier sind...

Unsere Fahrerin hält also vor einer Tankstelle am Rand von Hanksville und zeigt mit ihrem speckigen Zeigefinger auf ein Haus am Hang, 50 Meter entfernt. "It's a good Restaurant.", sagt sie, während wir aus dem Wagen steigen und unser Gepäck aus dem vollgestopften Kofferraum zerren. Wir bedanken uns fürs Mitnehmen und den Restaurant-Tipp und verabschieden uns. Ich muss meinen Reisebegleiter nicht einmal anschauen, um zu wissen, was wir beide jetzt wollen. Nämlich den Burger bei "Blondies" probieren, der auf dem Schild über der Tür als "world famous" angepriesen wird. Als wir die Tür des Lokals öffnen wollen, wird diese von innen aufgestoßen und ein braungebrannter Typ mit strohblondem, langem Haar hält sie uns einladend auf. Was für ein Service. Er hat knallgelbe Crocs an. Kletterer - denke ich, die tragen die Dinger immer in ihrer Freizeit. Aber auf jeden Fall eine abgefahrene Farbe, dieses Sonnengelb. Die werden wohl nur von den goldenen Crocs getoppt, die meine Mama mal für den Garten gekauft hat. "Wollt ihr später mitfahren?" fragt uns der blonde Typ. "Äh", antworten wir. "Wohin?". Das scheint er selber nicht so genau zu wissen, aber wir wissen schließlich auch nicht wohin wir wollen. Also stimmen wir zu und sind gespannt, wo es uns hinverschlägt. Während dem Essen kommen wir ins Gespräch. Jason und Trevor sind tatsächlich zum Klettern und Canyoning nach Utah gekommen. Sie übernachten unter freiem Himmel und bleiben wo es ihnen gefällt. Die beiden sind uns auf Anhieb sympathisch. Wir beschließen einfach mitzugehen und eine Weile bei den beiden zu bleiben. Nach dem Essen holt uns eine Freundin von Jason vor dem Restaurant ab, weil Trevors Auto so vollgestopft ist, dass nicht einmal unsere Rucksäcke reinpassen und kutschiert uns erst zum Supermarkt und dann weiter in die Wüste. Im Supermarkt gibt es zu unserem Leidwesen nur Light-Bier. In Utah darf nämlich nur Bier mit einem Alkoholgehalt bis 3,5% verkauft werden. Schmeckt nach Wasser mit Biergeschmack. Wir kaufen daher vorsorglich einen 30er Pack. Kurze Zeit später biegen wir mit unseren Einkäufen vom Highway auf einen Feldweg ab. Er führt an einigen hohen Steinsäulen (Pinnacles) vorbei, immer weiter in die Wüste. Neben einem der Pinnacles parken wir das Auto und schlagen bei starkem Wind unser Zelt auf. Der feine Wüstensand bedeckt bald unser komplettes Equipment, sammelt sich in den Rucksäcken und lässt unsere Haut noch brauner werden, als sie sowieso schon ist. Um dem Sand nicht dauerhaft ausgesetzt zu sein, setzen wir uns mit Trevor hinter das Auto, während Jason mit seiner Freundin im Auto bleibt und redet. Er lässt die Scheibe runter und ruft ziemlich unerwartet, dass er jetzt Pizza holen will, obwohl wir eigentlich genug eingekauft haben. Trevor schüttelt nur den Kopf und meint, dass so etwas öfter vorkommt, wenn die beiden zusammen unterwegs sind.

Jason und seine Freundin kommen erst Stunden später zurück. Natürlich ohne Pizza.

Trevor und Friedi beim klettern. Foto: Ilkay

Trevor und Friedi beim klettern. Foto: Ilkay

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Trevor beim klettern. Foto: Ilkay

Trevor beim klettern. Foto: Ilkay

Trevors Auto. Foto: Ilkay

Trevors Auto. Foto: Ilkay

Am nächsten Morgen müssen wir ziemlich lange auf Jasons Freundin warten. Ohne sie kommen wir nicht von der Stelle, denn die Musik, die wir am Abend über die Lautsprecher gehört haben, hat die Auto-Batterie gekillt. Zum Glück ist es warm und es gibt viel zu sehen. Wir klettern ein wenig an den Pinnacles und genießen die Stille in der Wüste. Anschließend geht es nochmal ins Blondies zum späten Mittagessen. Wir verabschieden uns ziemlich genau 24h nachdem wir uns kennengelernt haben. Der Abschied ist unerwartet schwer. Wir haben auf unserem Trip zwar schon sehr viele nette Leute getroffen, aber mit den beiden wären wir wirklich gern noch weiter durch die Canyons gezogen. Vielleicht müssen wir uns doch noch ein paar Kletterschuhe kaufen...

Pinnacles von oben. Foto: Friedi

Pinnacles von oben. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Vor Blondies. Foto: Ilkay

Vor Blondies. Foto: Ilkay

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