Jetzt sind wir also bei der amerikanischen Polizei registriert, trampen scheint verboten zu sein und es gibt keine andere Möglichkeit der Stadt Fallon zu entfliehen. Ein guter Start.

Etwa 10 Meilen vor der Stadtgrenze soll es noch eine letzten Tankstelle geben, bevor es in die Wüste geht. Dort, so hoffen wir, tanken diejenigen, die nach Austin, Eureka oder Ely fahren. Mit einem mulmigen Gefühl und in der Hoffnung den Polizisten vom Vortag nicht noch einmal zu begegnen laufen wir in Richtung Tankstelle. Unsere Sorgen sind unbegründet. Kaum ein Auto fährt vorbei und wir erreichen das winzige Häuschen mit der einen, dazugehörigen Tanksäule zwei Stunden später.

Die beiden Verkäuferinnen, die erst kritisch unsere Rucksäcke mustern, entpuppen sich als sehr hilfsbereit. Sie bieten an alle Kunden nach Ihrem Fahrziel zu befragen, während wir im Picknickareal warten und unsere Cookies essen sollen. Es gibt noch einen Gratiskaffee und zwei Stempelheftchen. "In das Heftchen könnt ihr in Austin, Ely und so weiter Stempel eintragen lassen, die bezeugen, dass ihr den Highway 50 - the loneliest road in America, überlebt habt." Die Verkäuferin lacht und schlägt schwungvoll die ersten Stempel in unsere Heftchen. Wir bedanken uns und verziehen uns zu den Picknicktischen.

Stempelheftchen für den Highway 50. Foto: Friedi

Stempelheftchen für den Highway 50. Foto: Friedi

Während wir unsere Kekse in den heißen Kaffee tauchen überlege ich kritisch ob das so funktionieren kann. Rumzusitzen und untätig abzuwarten, während die beiden Verkäuferinnen sich um unsere Mitfahrgelegenheit kümmern erscheint mir doch sehr unsicher. "Lass uns eine Stunde abwarten, bevor wir das Ruder wieder selbst in die Hand nehmen", sage ich zu Ilkay. Er stimmt zu und wir tauchen einen weiteren Cookie in den Kaffee. Noch während wir schmatzen fährt ein ramponierter Pickup vor. Da würden der deutsche TÜV nur die Augen aufreißen und entsetzt den Kopf schütteln. "Ihr könnt mitfahren, also wenn ihr wollt. Wir haben jetzt nicht so viel Platz, aber ja, schmeißt die Sachen hinten rein und dann springt auf." So ungefähr begrüßt uns ein junger Typ. Er nuschelt ein Wenig und weiß wohl selbst nicht so genau, wie er sich das Ganze vorgestellt hat, sodass wir erstmal ziemlich verwirrt schauen und eine peinliche Pause entsteht, bevor wir zu ihm und seiner Freundin auf den Vordersitz klettern. Es ist eng im Dreisitzer und die Heizung läuft auf Hochtouren- scheint kaputt zu sein.

Der einsame Highway 50 führt uns an einer riesigen Düne vorbei, dem Sandmountain und dann immer weiter durch dürre, salzverkrustete Täler und über hohe Gebirgskette. Und wir dachten Nevada wäre flach und sandig. Nach 45 Meilen halten wir an einem Saloon in the middle of nowhere- Middlegate. Hier ist es einfach nur cool. Die Hütten sind aus Holz und ein alter Wagen steht auf dem Hof. Der Barkeeper ist um die 60 und trägt einen Cowboyhut. Wir fühlen uns ins Zeitalter des Wilden Westens versetzt und bestellen erstmal vier Bier. Man, hier könnte ich die nächsten Tage mit Nichtstun verbringen, so schön ist das.

Middlegate. Foto: Friedi

Middlegate. Foto: Friedi

Die gas station von Middlegate. Foto: Friedi

Die gas station von Middlegate. Foto: Friedi

Nach dem Bier geht es auf dem alten Highway 50 weiter Richtung Osten. Unser Fahrer hat ziemlich viel Bier dabei, das bei den Temperaturen schneller schwindet als wir zählen können. Die leeren Flaschen fliegen einfach durch das Rückfenster (ich habe mich schon gefragt, wieso man da ein Fenster einbaut) und landen auf der Pritsche des Pickups. In Austin, dem Ziel unserer Fahrt, sind wir knülle und gehen erstmal zu viert Burger essen, den bisher besten unserer Reise. Sogar Ilkay isst munter, obwohl die Besitzer des Diners ganz offensichtlich Trump wählen. Nach dem Essen trennen sich leider unsere Wege, denn die Beiden wollen noch in den Bergen angeln gehen. Wir verabschieden uns und bedauern ein Wenig, dass wir weiter nach Ely müssen.

Der Pickup. Foto: Ilkay  

Der Pickup. Foto: Ilkay  

Wir halten mitten auf der Straße und warten, während Ilkay 3 Wochen lang den Highway fotografiert. Foto: Ilkay  

Wir halten mitten auf der Straße und warten, während Ilkay 3 Wochen lang den Highway fotografiert. Foto: Ilkay  

Auf dem Weg nach Austin. Foto: Ilkay  

Auf dem Weg nach Austin. Foto: Ilkay  

Austin liegt mitten in den Bergen, es bläßt ein kühler Wind und wir beschließen an der Straße entlang zu laufen, um beim Trampen nicht unnötig herum zu stehen. Das achte Fahrzeug, das an uns vorbei rauscht, ist ein DeLorean DMC-12, das Auto aus "Zurück in die Zukunft" wie Ilkay mir ganz aus dem Häuschen erklärt. Es hat sogar die gleichen Aufbauten wie im Film. Was hier für Bildungslücken gefüllt werden - unglaublich. Nach etwas mehr als einer Stunde hält ein Ehepaar, das in Ely wohnt und uns mitnimmt. Es dämmert bereits und wir hätten nie gedacht, dass bei dem geringen Verkehrsaufkommen noch jemand anhält. Wir haben eben wirklich ein verdammtes Glück. Erschöpft schlafen wir beide auf der Rücksitzbank ein und bekommen nicht mit, wie die Frau unseres Fahrers alle Motels in Ely abtelefoniert, um das günstigste für uns herauszusuchen. Wir werden bis vor das Office gefahren und bekommen ein Zimmer für 30 Dollar. Danke liebes Schicksal.

Unser Motelzimmer in Ely. Foto: Friedi

Unser Motelzimmer in Ely. Foto: Friedi

Am nächsten Morgen gehen wir einkaufen, holen uns an der Tankstelle den Ely-Stempel ab und laufen dann weiter am Highway 50 entlang. Die Etappe ist eher weniger spannend. Die Straße biegt auf den kommenden 23 Kilometern genau einmal ab und es ist schon dunkel, als wir in die Nähe des Campgrounds kommen, den wir als Schlafplatz angedacht haben. Plötzlich hält ein Auto neben uns. Ein Ranger begrüßt uns und erkennt gleich, dass wir auf dem American Discovery Trail unterwegs sind. "Wollt ihr mit zum Campingplatz fahren oder habt ihr euch in den Kopf gesetzt das ganze verdammte Ding zu laufen?" Wir fahren mit und erklären ihm, dass wir gar nicht genug Zeit haben, das ganze verdammte Ding zu laufen. Weil es dunkel und ziemlich kalt ist bringt der Ranger uns Feuerholz, während wir das Zelt aufbauen. Er zeigt uns wie ein echter Ranger Feuer macht und bittet und dazu gute 10 Schritte nach hinten zu treten. Auch der Tisch und unser Equipment müssen weichen, während der Ranger, jeder Pfadfinder würde stöhnen, einen Benzinkanister zückt und den kleinen Holzberg in die Luft jagt.

Badass. Foto: Friedi

Badass. Foto: Friedi

Kleine Pause. Foto: Ilkay

Kleine Pause. Foto: Ilkay

Die nächsten zwei Tage überqueren wir eine Gebirgskette und ein Tal, das von einem schnurgeraden Highway durchzogen ist. An Straßen solcher Art laufen wir besonders gerne entlang. "Friedi, fokussier mal einen Punkt am Horizont und lauf dann ganz ruhig gerade aus. Da passiert gar nichts. Als würde man auf der Stelle treten." ...

Ohne Worte. Foto: Friedi

Ohne Worte. Foto: Friedi

Nach drei Tagen, der letzte ist ziemlich anstrengend, da uns die Nahrungsmittel ausgehen erreichen wir Baker. Mein Bauch fühlt sich an, als hätte jemand die ganze Candy-Abteilung eines Supermarktes darin ausgeleert und kräftig geschüttelt. Er hat heute nur süßes Oatmeal, zuckrige Riegel und eine ganze Menge Gummibärchen gesehen. Wir brauchen dringend etwas Richtiges zu essen, aber Baker besteht nur aus drei Farmhäusern und einem Restaurant, das Montag, Dienstag und Mittwoch geschlossen hat. Es ist Mittwoch. Deswegen lassen wir es uns nicht zweimal sagen, als ein Handwerker uns aus seinem Truck heraus anbietet uns nach Boarder Inn zu fahren, einem Restaurant/Motel/Tankstelle etwa 10 Meilen entfernt. Es gibt wieder Burger (hier muss zu unserer Verteidigung gesagt werden, dass auf der Speisekarte meist nur Burger und Sandwiches angeboten werden) bevor wir uns auf den Zelt-Bereich hinter dem Haus zurückziehen. Am nächsten Morgen beschließen wir nach Garrison, dem Nachbardorf von Baker zu laufen und dort auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, die uns nach Beaver bringt. 10 Stunden später stehen wir immer noch an der Straße. Das war wohl nichts heute. Wir stellen uns schon auf eine Nachtwanderung zurück zum Boarder Inn ein, als ein roter Truck angefahren kommt und neben uns hält. Ob wir rüber gefahren werden wollen, fragt eine nette Frau, während ihr Ehemann nur die Augenbrauen hochzieht und etwas Unverständliches in sich hinein grummelt. Der sieht nicht gerade erfreut aus. Egal, alles ist besser als noch länger auf der Straße zu stehen und wir dürfen hinten auf der Ladefläche des Trucks mitfahren! Am Boarder Inn fragt uns die Frau was wir eigentlich genau vorhaben. Als wir erklären, dass wir nur etwas essen wollen und dann das Zelt aufschlagen rollt sie mit den Augen. "Wir dachten ihr wollt hier in einem Zimmer übernachten. Wenn ihr ein Zelt habt ist das ja Alles kein Problem. Essen gibt es bei uns zu Hause. Rauf mit euch auf die Ladefläche, ihr zeltet bei uns im Garten. Mein Mann fährt euch morgen nach Beaver!" Sie duldet keine Widerrede. Wir fahren also die ganze Strecke wieder zurück nach Garrison und parken exakt vor dem Haus, vor dem wir schon den ganzen Tag auf ein Mitfahrgelegenheit gewartet haben.

Ich fasse es nicht, die wollen uns tatsächlich nach Beaver fahren. 114 Meilen, das sind 183 Kilometer! Außerdem bekommen wir ein richtig leckeres Abendessen, bestehend aus Ofenkartoffeln mit Mais und selbstgeschossenem Wild. Unser Gastgeber, der sich als ein grummeliger aber ziemlich cooler Typ herausstellt, ist leidenschaftlicher Jäger und ein echter Cowboy im Ruhestand. Er erzählt von seinen Trophäen, die an dem Wänden hängen und erklärt uns ausführlich die unterschiedlichen Disziplinen von Rodeo. Und ich dachte Rodeo wäre dieser Plastik-Bulle auf dem Jahrmarkt, der sich im Kreis dreht und seinen Reiter irgendwann abwirft.

Schrottplatz in den Bergen. Foto: Ilkay

Schrottplatz in den Bergen. Foto: Ilkay

Der Schnee hier oben ist tiefer als gedacht. Foto: Ilkay  

Der Schnee hier oben ist tiefer als gedacht. Foto: Ilkay  

Lagerfeuer im Schnee. Foto: Friedi

Lagerfeuer im Schnee. Foto: Friedi

Auf dem Weg nach Baker. Foto: Friedi

Auf dem Weg nach Baker. Foto: Friedi

Zum Glück können wir hier Schnee schmelzen, das Wasser ist knapp. Foto: Friedi

Zum Glück können wir hier Schnee schmelzen, das Wasser ist knapp. Foto: Friedi

Mittagessen. Foto: Friedi

Mittagessen. Foto: Friedi

Nach einer kalten Nacht im Zelt werden wir von Kindergeschrei geweckt. Die Tochter unserer Gastgeber erscheint mit Kind und Kegel, um einige Sachen abzuholen und die Großeltern zu besuchen. Sie sind alle zum Frühstück eingeplant, haben jedoch auf der Fahrt schon gegessen und so verdrücken Ilkay und ich köstliche Pancakes, Kartoffelpuffer, Rührei und Leber. Ein Essen für 6 Personen. Danach fährt die ganze Familie weiter nach Delta, während unser Gastgeber mit uns Beiden zurück bleibt. Er zeigt Ilkay im Schlafzimmer seine beachtliche Waffensammlung und fragt, nachdem er merkt wie begeistert Ilkay bei der Sache ist, ob wir sofort nach Beaver wollen oder ob wir noch etwas Zeit haben.

Was dann passiert ist lasse ich lieber den Ilkay erzählen.

Nur so viel. Es knallt.

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