Ein paar Tage 'Urlaub vom Urlaub'.

Wir werden auf die Brauerei Copper Club im Städtchen Fruita aufmerksam, weil ich vor deren Türe von einer Gruppe junger Leute ein Stück Pizza angeboten bekomme, während Ilkay im Radladen nebenan nach einem Campingspot fragt. Dankend nehme ich das Pizzastück entgegen. Wir haben einen dieser "unsere-Lebensmittel-sind aus-deswegen-gibt-es-nur-noch-Müsliriegel-Tage" hinter uns. Neben der Türe des Copper Club hängt ein Schild, das verkündet, dass hier jeder sein Essen mitbringen kann. Das erklärt, warum der Großteil der Besucher einen Pizzakarton von Dominos vor sich auf dem Tisch liegen hat, obwohl hier ganz offensichtlich keine Pizza verkauft wird. Was für eine grandiose Symbiose zwischen der Brauerei und der Pizzaria nebenan. Mit der Pizza in der Hand begebe ich mich auf die Suche nach meinem Wanderbuddy. Er kommt mir schon wenige Sekunden später entgegen und wir teilen uns das fettige Stück. Danach machen wir das einzig Richtige, nämlich mehr Pizza bestellen und im Copper Club alle sieben Biersorten probieren. Das Bier ist köstlich, besonders das Amber hat es uns angetan. An der Bar kommen wir mit der Besitzerin Michelle ins Gespräch. Sie erzählt von der Brauereigründung, dem Leben in Colorado und ihrem Mann, der der Braumeister des Copper Clubs ist. Wir erzählen von unserer Reise und den ganzen Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben. Irgendwann fragt Ilkay, ob es hier außer dem Campingplatz am Stadtrand - der für unsere wunden Füße viel zu weit entfernt scheint - noch eine andere Möglichkeit zum Zelten gibt. Leider hat der Copper Club keinen Garten, sonst hätten wir dort bleiben können, meint Michelle. Als sie unsere enttäuschten Gesichter sieht, fragt sie kurzerhand den Gast, der uns am nächsten sitzt, ob er nicht einen Vorgarten habe, der sich als Zeltplatz eigne. Wie es der Zufall will hat er einen Vorgarten. Wir bedanken uns überschwänglich bei Michelle und unserem heutigen Gastgeber Rodney, trinken unser Bier aus und folgen dann der Wegbeschreibung zu Rodneys Haus. Er wohnt mit seiner Freundin und einer sehr schüchternen Pitbull Hündin zusammen in einem hübschen Haus aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Wir werden herzlich empfangen und müssen nicht einmal das Zelt aufbauen, sondern dürfen in dem winzigen Gästezimmer unter dem Dach übernachten.

Unsere Bleibe in Fruita. Foto: Ilkay

Unsere Bleibe in Fruita. Foto: Ilkay

Weil die Gegend um Fruita so schön sein soll, beschließen wir am nächsten Tag ohne Gepäck im nahegelegenen Devils Canyon wandern zu gehen. Der Trip ist zwar nicht besonders lang - wir finden Wifi im McDonalds und verlaufen uns danach im falschen Canyon - aber dennoch sehr schön.

Fruita von oben. Foto: Friedi

Fruita von oben. Foto: Friedi

Der falsche Canyon endet in einer Sackgasse. (Nicht für uns) Foto: Friedi

Der falsche Canyon endet in einer Sackgasse. (Nicht für uns) Foto: Friedi

Da kommt man doch bestimmt auch ohne Kletterschuhe hoch! Foto: Ilkay

Da kommt man doch bestimmt auch ohne Kletterschuhe hoch! Foto: Ilkay

Wir, über Fruita. 

Wir, über Fruita. 

Am Nachmittag geht es dann noch einmal in den Copper Club, dieses Mal mit unseren Gastgebern. Es scheint hier Gang und Gebe zu sein, abends einen Abstecher hier her zu unternehmen und so sehen wir einige, uns schon bekannte Gesichter. Weil wir uns bei Rodney und Cathrine so wohl fühlen nehmen wir deren Angebot nur zu gerne an, noch eine zweite Nacht zu bleiben. Eine gute Entscheidung, denn am Abend gibt es sehr leckeres Essen, richtig gesund (mit echtem Gemüse!) und Käse, der nicht wie ein Goldbarren aussieht! Ich schlage dermaßen zu, dass Rodney lachend zu Ilkay meint, er solle sich schnell noch was auf den Teller laden, bevor ich alles vernichte.

Am nächsten Morgen brechen wir bei bestem Wanderwetter auf - es pisst in Strömen. Leider können wir nicht noch eine Nacht in Fruita bleiben, weil wir am kommenden Tag ein Date in Aspen haben. Und zwar mit Trevor, den wir vor einigen Wochen in der Wüste kennengelernt haben. Wir laufen also die 20 Kilometer von Fruita nach Grand Junction und nehmen von dort aus den Greyhoundbus nach Aspen. Der Weg wird zur Tortur. Aus dem strömenden Regen wird noch während wir im Supermarkt unser Mittagessen besorgen ein matschiger Schnee, der auf unseren Ponchos schmilzt, die Schuhe durchweicht und uns eiskalt ins Gesicht weht. Einen Platz für die Mittagpause finden wir auch nicht. Und so verputzen wir eine ganze Packung Mini-Apfelstrudel im Laufen.

Radweg zwischen Fruita und Grand Junction. Foto: Friedi

Radweg zwischen Fruita und Grand Junction. Foto: Friedi

Ilkay läuft blind durch den Schnee. Foto: Friedi

Ilkay läuft blind durch den Schnee. Foto: Friedi

Aspen ist die reichste Stadt Amerikas. Ein Haus kostet hier im Durchschnitt über 1,5 Millionen Dollar, 72 der reichsten Menschen der Welt sollen hier eine Bude besitzen und einen eigenen Flughafen hat das 7000 Einwohner-Städtchen selbstverständlich auch. Zum Glück gibt es auch Normalsterbliche hier, die uns ihre Couch zur Verfügung stellen. Unser Couchsurfing-Host Lee, ein lässiger Typ Mitte 40, wohnt in einer gemütlichen, kleinen Holzhütte, die zu einer Ranch etwas außerhalb von Aspen gehört. Hier verbringen wir die nächsten drei Nächte. Tagsüber gehe ich mit Trevor und Tyler, einem Freund von Trevor snowboarden. Das Skigebiet ist der Wahnsinn. Riesengroß und die Pisten sind menschenleer. Und das Beste: den Skipass bekomme ich von Tylers Freundin Nicole. Ich muss nur das Board und die Boots leihen. Während ich auf der Piste bin unternimmt Ilkay eine kleine Wanderumg zu einem See, der 11km von der Ranch entfernt liegt. Verpflegung nimmt er natürlich keine mit. "Ich hab Schnee gegessen", verkündet er ganz stolz, bevor er total ausgetrocknet gläserweise Wasser in sich reinschüttet.

Ilkays Tour auf den Berg. 

Ilkays Tour auf den Berg. 

Rockies. Foto: Ilkay 

Rockies. Foto: Ilkay 

Im Sessellift in Aspen. Foto: Friedi

Im Sessellift in Aspen. Foto: Friedi

Am nächsten Morgen will Ilkay dann doch auf die Piste. Wir leihen uns Boards und fahren mit der Gondel auf den Berg hoch. Erstaunt zeigt Ilkay auf eine gelbe Schneekanone. "Was ist das denn"? Sessellift ist er auch noch nie gefahren und so kommt es beim Einsteigen fast zu einer Kollision. Das Snowboarden klappt dann aber doch erstaunlich gut. Der kleine Pistenfrischling lernt schnell und kann am Ende des Tages sogar schon Kurven fahren.

In der Gondel. Foto: Friedi

In der Gondel. Foto: Friedi

Zurück auf dem Trail.

Tyler und Nicole, bei denen wir die letzte Nacht in Aspen verbringen, statten uns mit Handwärmeren und einer Survival-Decke aus, bevor wir aufbrechen. Es liegen 45 Kilometer und ein über 12000ft (3687m) hoher Pass zwischen uns und dem nächsten Dorf - der Independence Pass. Die ersten Kilometer werden wir noch ab und zu von einem Auto überholt, bis ein großes Schild "Road Closed" die Straße versperrt. Hier können nur noch Schneemobile fahren, denn der Asphalt ist mit Schnee bedeckt. Wir treffen einige Spaziergänger, die auf dem Highway ihre Hunde ausführen. Nach einer Weile begegnen wir schließlich niemandem mehr. Der Highway windet sich nun steiler den Hang hinauf und mit den nassen Wanderschuhen im matschigen Schnee, wird der Aufstieg immer beschwerlicher. Als wir eine kleine Lichtung mit Picknicktisch finden, beschließen wir direkt neben dem Camping-verboten-Schild unser Zelt aufzuschlagen. Badass. Etwa 100 Meter entfernt windet sich ein klares Flüsschen durch den hohen Schnee. Wir setzen uns auf die Brücke, die über den Fluss führt, kochen unser Abendessen und genießen die letzten Sonnenstrahlen.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Wir kochen auf der Brücke. Foto: Ilkay

Wir kochen auf der Brücke. Foto: Ilkay

Am nächsten Morgen geht es weiter den Berg hoch, 1000 Höhenmeter sind es noch bis zum Pass. Durch den Schnee kommt man kaum vom Fleck. Wir verfluchen die Schneeschuhe, die schwer sind und die wir nur den Berg hochtragen, weil man auf den Schneemobilspuren auch (gut) ohne sie laufen kann. Als sich langsam aber sicher der Sonnenuntergang nähert, beginnen wir daran zu zweifeln, dass wir es heute noch bis nach oben schaffen. Vorallem wissen wir nicht genau, wie weit es noch ist, da der Pass nicht auf unserer Offline-Karte angezeigt wird. Wir sehen nur ziemlich viele Serpentinen. Und die bedeuten meistens, dass es steil ist.

Glücklicherweise kommen uns bald zwei Touren-Skifahrer entgegen. "Bald habt ihr es geschafft. Es ist nur noch etwa eine Meile, bis nach oben!" Gott sei Dank. Viel mehr wäre heute auch nicht mehr drin gewesen. Für die letzte Meile müssen wir dann doch die Schneeschuhe anlegen. Lawinen blockieren den Highway. Hier ist kein Durchkommen mehr für die Schneemobile. Auf dem Pass erwartet uns eine atemberaubende Aussicht und ein prima Zeltplatz. Wir campen zwischen einer zwei Meter hohen Schneewand und einem Klohäuschen.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Mittagspause. Foto: Ilkay

Mittagspause. Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Ilkay auf dem Highway. Foto: Friedi

Ilkay auf dem Highway. Foto: Friedi

Endlich oben.  

Endlich oben.  

Klohäuschen auf dem Pass. Foto: Friedi

Klohäuschen auf dem Pass. Foto: Friedi

Ilkay befüllt die Trinkwasserblase. Foto: Friedi

Ilkay befüllt die Trinkwasserblase. Foto: Friedi

Sobald die Sonne untergeht wird es zäh. Alle Pfützen gefrieren innerhalb weniger Minuten und ein starker Wind kommt auf. Er bläst den Schnee über die Kante zu uns in die Senke hinab und bedeckt nach einiger Zeit sogar die Schuhe im Vorzelt. Am nächsten Morgen wird der Wind zu einem Sturm, der es uns unmöglich macht das Zelt abzubauen. Zum Glück ist das Klohäuschen offen. Wir verfrachten sämtliche Ausrüstung dort hinein, was gar nicht so einfach ist, weil sich sogar dort stellenweise fast ein Meter Schnee angesammelt hat. Da muss wohl jemand die Türe offen gelassen haben. Als das Equipment sicher verstaut ist spüren wir unser Hände und Füße nicht mehr. Man, ist das kalt hier...

Ilkay leidet. Foto: Friedi

Ilkay leidet. Foto: Friedi

Der Abstieg ist hundertmal angenehmer als der Aufsteig. Wir kommen trotz den Schneeschuhen relativ schnell voran und zeitweise reißen sogar die Wolken auf und die Sonne kommt raus. Erst als wir im Tal ankommen und uns zum Tortillas aufwärmen auf dem Highway niederlassen beginnt es erneut zu schneien. Und dieses Mal scheint der Himmel wirklich alle Schleusen geöffnet zu haben. " Da kommt alles runter, was ich in den letzten Jahren in Deutschland vermisst habe", meint Ilkay. Ein wirklich günstiger Zeitpunkt für so einen Schneesturm... Wenn doch wenigstens ein warmer Tee hinterher in Aussicht wäre!

Nach dem Mittagessen stapfen wir weiter und fangen nur wenige Minuten später fast zu schreien an, als wir die Straßensperre sehen, die bedeutet, dass hier wieder Autos fahren dürfen. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Zivilisation und zu einem warmen Hostelbett. Wer weiß, vielleicht komme ich ja doch noch zu einer heißen Tasse Tee.

Meterhoher Schnee bedeckt den Highway. Foto: Ilkay

Meterhoher Schnee bedeckt den Highway. Foto: Ilkay

Ilkay erklimmt den Lavinenhügel. Foto: Friedi

Ilkay erklimmt den Lavinenhügel. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

"May" ... Foto: Friedi

"May" ... Foto: Friedi

Eingeschneit. Foto: Ilkay

Eingeschneit. Foto: Ilkay

Schneehöhe: Ciao Leben. Temperatur: -tausend ciao Leben. Foto: Ilkay

Schneehöhe: Ciao Leben. Temperatur: -tausend ciao Leben. Foto: Ilkay

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