Vier Nächte verbringen wir in Colorado Springs bei Ashley, deren Familie zu einer Art zweitem Zuhause und später zur Krankenstation wird. Es ist eine schöne Zeit in der wir rundum verwöhnt werden. Es werden Filme geschaut, Cookies gebacken, wir gehen klettern, spielen Arcade Games und ich komme endlich mal wieder in den Genuss Jogging-Schuhe zu tragen. Das Wetter spielt verrückt. Noch vor wenigen Tagen haben wir mit nacktem Tarzan-Oberkörper auf der Rempart Range Road geschwitzt, jetzt überzieht ein feiner weißer Puder den Vorgarten und der Wind fegt um die Häuserecken. Eine fast weihnachtliche Stimmung erfüllt das Haus.

Colorado Springs von oben. Foto: Friedi

Colorado Springs von oben. Foto: Friedi

Als wir montags bei Ashley aufbrechen schneit es noch immer. Eigentlich wollen wir nicht gehen, aber ein Trail will bewandert werden, wenn auch in diesem Teil der USA kein besonders schöner. Es geht Richtung Süden nach Pueblo, auf einer Dirtroad, die während der nächsten zwei Wandertage kein einziges Mal abbiegt. Links und rechts neben der Straße beginnt unmittelbar Private Property, Privatgelände, Farmland. Die Zeltplatzsuche gestaltet sich schwierig, sodass wir schlussendlich direkt neben der Straße unser Zelt aufschlagen. In der Nacht regnet es heftig. Meine guten alten Teva-Sandalen schmatzen im Schlamm und ich beginne Ilkay um seine Army-Boots zu beneiden. Jetzt noch die Schuhe zu wechseln erscheint mir als nicht besonders sinnvoll. Wohin dann mit den schlammigen Dingern, die gerade wie große, braunen Klumpen meine Füße schmücken? Also packen wir vorsichtig das nasse Zelt ein und hoffen, dass sich die Klümpchen nach und nach von den Schuhen verabschieden. Tun sie dann auch irgendwann. Nach drei Stunden erreichen wir Pueblo und teilen uns das, da sind wir uns einig, schlechteste asiatische Essen, das wir je gegessen haben.

Navigieren auf einer Straße auf der es nichts zu navigieren gibt. Foto: Ilkay

Navigieren auf einer Straße auf der es nichts zu navigieren gibt. Foto: Ilkay

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Gemäldelandschaft zwischen Colorado Springs und Pueblo. Foto: Ilkay  

Gemäldelandschaft zwischen Colorado Springs und Pueblo. Foto: Ilkay  

Wie die Deutschen... Foto: Friedi

Wie die Deutschen... Foto: Friedi

Riesige Bewässerungsanlage. Foto: Friedi

Riesige Bewässerungsanlage. Foto: Friedi

Auch am folgenden Abend ist es schwierig einen Platz fürs Zelt zu finden. Allerdings haben wir am Ende mehr Glück. Wir klopfen an einige Haustüren, bis uns schließlich ein netter, älterer Mann im Garten campen lässt. Wir gehen um das Haus herum und stehen im Kinderparadies (zugegeben, in diesem Fall muss ich mich zu den Kindern zählen). Der Mann hat doch tatsächlich einen Spielplatz im Garten. Ein großes Karussell, Schaukeln, kleine betonierte Wege und einen echten, restaurierten Zugwagon. Ein Caboose, der seit den 1830er Jahren gebaut wird. Als wir das Zelt auspacken kommt der Mann aus dem Haus und schickt uns in den Wagon, den er selbst ausgebaut hat. Er lächelt, als er sieht wie aufgeregt wir sind. Lagerfeuer gibt es auch. Und eine Dusche.

Zugwagon im Garten. Foto: Friedi

Zugwagon im Garten. Foto: Friedi

Feuer. Foto: Ilkay

Feuer. Foto: Ilkay

Ilkay rutscht. Foto: Friedi

Ilkay rutscht. Foto: Friedi

Am nächsten Morgen geht es dann weiter Richtung Osten. Weit kommen wir allerdings nicht. Ein Farmers Market/Bakery erweckt unsere Aufmerksamkeit. Vielleicht haben die ja ein richtiges Brot! Nach einiger Zeit verlassen wir den Laden, den die alte Besitzerin extra für uns aufgeschlossen hat. Ohne Brot, dafür mit einem herrlichen Nusszopf, Keksen und einer Salami. Einige Minuten später erreichen wir die Main Street des kleinen Dorfs. Auf der anderen Straßenseite steht ein winziges Häuschen, das einen Laden zu beherbergen scheint. Das Brot zu der gekauften Salami und dem Käse fehlt uns immer noch, also versuchen wir unser Glück. Wieder kein Brot, dafür erwarten uns jede Menge handgemachter Geschenkartikel. Die Verkäuferin ist unglaublich aus dem Häuschen, als sie von unserer Reise erfährt und hüpft im Laden umher während wir ihr erzählen, dass wir eigentlich Brot suchen und nicht zu Family Dollar wollen, weil es da nur diesen matschigen Toast gibt. Sie schickt uns zu einem italienischen Restaurant weiter die Straße hoch, stattet uns jedoch davor noch mit Nüssen, Fruchtdrinks und Labello aus. Selbstverständlich alles aus der Region und handgemacht. Beim Italiener ergeht es uns nicht schlechter. Heute scheint unser Glückstag zu sein. Wir bekommen zwei Brötchen und Kaffee geschenkt, bevor wir unter Tränen nach draußen entlassen werden. Nach einem frühen Lunch geht es weiter am Highway entlang. Der Himmel wird zunehmend grauer und es beginnt stark zu winden. Mehrere Autos bieten an uns mitzunehmen, darunter zwei sehr dünne alte Männer mit langen Haaren, die dem starken Mariuhana-Geruch nach zu urteilen, im Jahr '68 hängen geblieben sind. Als es zu regnen beginnt bereue ich schon fast, nicht eingestiegen zu sein. Allerdings ist der Regen nur von kurzer Dauer und unsere Ponchos trocknen innerhalb kürzester Zeit. Am Abend zelten wir auf dem Rasen eines Farmers, der nacheinander seine Töchter zu uns raus schickt, um uns mit Wasser und Abendessen zu versorgen.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Gewitter über uns. Foto: Ilkay 

Gewitter über uns. Foto: Ilkay 

Ilkay auf dem Highway. Foto: Friedi

Ilkay auf dem Highway. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Am nächsten Morgen geht es weiter am verfluchten Highway entlang. Seit dem kleinen Sturm am Nachmittag zuvor haben wir nichts mehr spannendes gesehen. Da tröstet auch keine gute Salami oder jede Menge Starburst mehr drüber hinweg. Die Landschaft ist zum gähnen. Sorry liebes East-Colorado. Wir stapfen missmutig vor uns hin und werden immer wieder von übellaunigen Hunden verfolgt. Teilweise sind sie so aggressiv, dass wir Ihnen unsere Wanderstöcke entgegen strecken, wild fuchteln und dann die Beine in die Hand nehmen. "Ahh, Ilkay! Beschütz mich!" Die Biester machen mich echt fertig.

Am nächsten Morgen kommen wir durch ein kleines Dorf. Weil wir eine neue Gaskartusche brauchen, betreten wir einen Laden im Ortskern. Hier empfängt uns die unglaublich nett Besitzerin und eine Gruppe Einheimische, die an einem Tisch sitzen, der mitten im Laden steht. Sie trinken hier wohl ihren Kaffee, bevor sie zur Arbeit aufbrechen. Wir bekommen auch einen und Ilkay kauft sich seinen ersten Wanderhut. Jetzt sieht er aus wie ein echter Cowboy. Am Nachmittag kommt uns Ashley besuchen. Wir fahren gemeinsam zu einem kleinen See raus und wollen dort in der Idylle des ost-coloradischen-5-Sterne-Paradieses campen. Ein ganz übler Geruch steigt uns in die Nase. Hier gibt es nicht nur jede Menge Ackerland, sondern auch Kuhherden, die ganze Landstriche zu bevölkern scheinen. Und die Viecher, man kann es nicht anders ausdrücken, stinken beschissen. Wir stehen also an diesem wunderschönen See, kein Baum weit und breit. Das Wasser trüb und den Geruch von Kuhscheiße in der Nase und zünden ein Feuer an. Morgen probieren wir wohl einen anderen See aus...

Davor geht es jedoch nach La Junta, wo es ein altes Fort gibt. Das Bent's Fort. Es stammt aus dem Jahr 1833 und ist weitgehend erhalten. Jeder Raum ist im Sinne der guten, alten Zeit eingerichtet. Mit hübschen Accessoires, Möbeln und Werkzeugen, damit man sich vorstellen kann, wie die Menschen damals gelebt und gearbeitet haben.

Ilkay am Fort, nachdem wir seine Zöpfchen aufgemacht haben. Foto: Friedi

Ilkay am Fort, nachdem wir seine Zöpfchen aufgemacht haben. Foto: Friedi

Zum Gück hat er den neuen Hut um die Frisur zu kaschieren... Foto: Friedi

Zum Gück hat er den neuen Hut um die Frisur zu kaschieren... Foto: Friedi

Das Fort. Foto: Friedi

Das Fort. Foto: Friedi

Im Fort. Foto: Friedi

Im Fort. Foto: Friedi

Ashley und ich im Baum. Foto: Ilkay  

Ashley und ich im Baum. Foto: Ilkay  

Nach dem Besuch im Fort fahren wir zu einem größeren See, in der Nähe von Las Animas. Hier ist es schöner, aber ziemlich windig. Unser Lagerfeuer wird, durch den Wind angefacht, immer heißer und heißer. Ein richtiges Höllenfeuer. Wir grillen Fleisch und Gemüse und füllen damit unsere Tortillas. Als es dunkel wird beginnt es noch stärker zu stürmen und schließlich auch zu regnen. Der Sturm drückt unser Zelt auf den Boden und verbiegt das Gestänge, während wir im Auto sitzen und hilflos zusehen. Etwa zur gleichen Zeit will Ilkay ein Foto vom Gewitter machen und lässt das Fenster runter. Es fährt danach leider nicht mehr hoch. Also steht er draußen, über die Motorhaube gebeugt und versucht die richtige Sicherung zu finden, während Ashley und ich eine große Mülltüte in die Tür klemmen, damit der Sitz nicht nass wird. Meine Güte, was für eine Nacht. Zu allem Überfluss fange ich nur wenige Stunden später zu spucken an. Am nächsten Morgen ist Ilkay dran. Wir haben uns eine Lebensmittelvergiftung eingefangen. Zum Glück hat Ashley nicht viel Fleisch gegessen und kann uns mit flauem Magen nach Hause fahren. Hier werden wir die nächsten 3 Tage bestens versorgt. Ashleys Mama macht uns Suppe und wir schlafen viel. Wie es aussieht haben wir sogar im Unglück brutales Glück. Danke!

Gewitter. Foto: Ilkay

Gewitter. Foto: Ilkay

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