Seit der Nacht im Garten der Villa sind einige Tage vergangen und es ist eine Menge passiert.

Wir verlassen das Grundstück unbehelligt und beginnen einmal mehr am Highway entlang zu wandern. Ich will mich ja nicht über den American Discovery Trail beschweren, aber die amerikanischen Highways haben wir langsam zur Genüge "discovered". Ilkay hat auch keine Lust mehr. Das sieht man an seinem Gesicht, in das die Langeweile geschrieben steht. Nach etwas mehr als 20 Kilometern bietet sich uns die erste Gelegenheit dem Highway zu entkommen. Auf der anderen Straßenseite steht ein Gebäude. Das Schild über dem Eingang sagt uns, dass wir es mit einem Weingut zu tun haben. Da überlegen wir nicht lange. Wie oft bekommt man schließlich die Möglichkeit in Missouri eine Weinprobe zu machen! Der Mann hinter dem Tresen ist etwas misstrauisch, als er uns mit unserem ganzen Gepäck den Laden betreten sieht. Zwei Landstreicher, die einen Gratis-Wein abstauben wollen, so muss das für ihn aussehen. Womit er wohl nicht ganz Unrecht hat. Nach dem dritten Gläschen Wein haben wir ihm alles über unsere Reise erzählt und sein Misstrauen schlägt in Begeisterung um. Er stellt viele Fragen und zeigt uns schließlich den hinteren Teil des Gebäudes, in dem seine Schwester, die Vinzerin, den Wein herstellt. Am Ende bietet er uns seinen Garten zum Campen an, was uns sehr gelegen kommt. An die Haustüren fremder Menschen zu klopfen, um nach einem Gartenplätzchen für unser Zelt zu fragen, gehört nämlich nicht gerade zu unseren Lieblingsbeschäftigungen. Wobei ich zugeben muss, dass ich mich da meist im Hintergrund herumdrücke und mein nettestes Lächeln aufsetze.

Ein weiterer Highway. Foto: Friedi

Ein weiterer Highway. Foto: Friedi

Einsamer Turm. Foto: Ilkay  

Einsamer Turm. Foto: Ilkay  

Während Scott die restlichen zwei Stunden im Laden bleibt, laufen wir ins Dorf und bauen auf seinem Grundstück das Zelt auf. Bald kommt seine Frau nach Hause und wir unterhalten uns den ganzen Abend mit ihr und später auch mit Scott, während wir abwechselnd die beiden Katzen und Hunde kraulen. Am nächsten Morgen fährt Scott uns ins nächste Städtchen rüber, in dem es einen Aldi gibt. Kaum zu glauben, aber Aldi ist hier der König unter den Einkaufsmöglichkeiten. Hier gibt es Brie, gute Schokolade und ein, zwar trockenes, aber etwas festeres Brot. Genüsslich frühstücken wir auf dem Aldi Parkplatz. Als wir Marshall verlassen wollen, fällt mir plötzlich auf, dass meine Wanderstöcke fehlen. Ich habe sie bei Scott im Auto liegengelassen, man ist mir das peinlich. Wir überlegen schon zurück zu trampen, aber Scott will sie mir vorbei bringen. Was für ein netter Mensch! Wir laufen also wieder zurück zum Treffpunkt, dem McDonalds am Ende der Straße. "Man Ilkay, nur weil du unbedingt noch einen McFlurry essen willst, müssen wir jetzt den ganzen Weg zurück laufen."

Frühstück auf dem Aldi Parkplatz. Foto: Friedi

Frühstück auf dem Aldi Parkplatz. Foto: Friedi

Hinter Marshall beginnt eine Schotterstraße, die recht angenehm zu bewandert ist, da keine Autos fahren. Die beiden folgenden Fotos zeigen, warum.

Bagger und jede Menge Erde. Foto: Friedi

Bagger und jede Menge Erde. Foto: Friedi

Hier wird gerade ein Brücke gebaut.  Foto: Friedi

Hier wird gerade ein Brücke gebaut.  Foto: Friedi

Bald führt der American Discovery Trail uns zurück auf den Highway. Über Arrow Rock geht es nach Boonville, wo wir einen halben Mittag in Schlafanzughose und Jacke im Waschsalon stehen und darauf warten, dass unsere Unterhosen trocknen. Am Abend erreichen wir endlich den Trailhead des Katy Trails. Der Name stammt von der ehemaligen Zugstrecke MKT (Missouri-Kansas-Texas), die bis 1986 im Einsatz war. Ende der 1980er Jahre wurde das Gleisbett zugeschüttet und die Zugstrecke zum Trail umgewandelt. Heute nutzen viele Radfahrer und zwei einsame Wanderer den Trail, der am Missouri River entlang führt. Schon an unserem ersten Nachmittag meint es der Katy Trail gut mit uns. Mit schmerzenden Füßen laufen wir in Rocheport ein, einem kleinen Dorf das unmittelbar neben dem Trail liegt. Es gibt einen kleinen General Store, der, so hoffen wir, Eis verkauft. Der Tag ist heiß und so schwül, dass uns die Shirts am Körper kleben. Im Laden werden wir von einer kleinen Truppe begrüßt - darunter die beiden Schwestern Jess und Veronica, einige ältere Männer, sowie eine Freundin von Veronica. Nach zwei gewechselten Sätzen läd Jess uns ein in ihrem Garten zu zelten. Während sie voraus geht, warten wir auf Veronica, die noch eine halbe Stunde im General Store arbeiten muss. Wir, als ihre treuen Kunden, kaufen zwei riesige Eistüten. Das Eis ist hausgemacht und schmeckt köstlich. Es ist erst das zweite frische Eis unserer Reise und wir finden es ausgerechnet in einem 300-Seelen-Dorf in Missouri.

Sumpfige Landschaft neben dem Katy Trail. Foto: Ilkay

Sumpfige Landschaft neben dem Katy Trail. Foto: Ilkay

Der Katy Trail ist noch gerader, als die Highways in Nevada. Foto: Ilkay

Der Katy Trail ist noch gerader, als die Highways in Nevada. Foto: Ilkay

Hübscher Bub. Foto: Friedi

Hübscher Bub. Foto: Friedi

Direkt hinter dem Tunnel liegt Rocheport. Foto: Friedi

Direkt hinter dem Tunnel liegt Rocheport. Foto: Friedi

Im Tunnel. Foto: Ilkay

Im Tunnel. Foto: Ilkay

Später am Abend kehren wir mit Jess in den General Store zurück. Einmal pro Woche findet dort eine Art Dorf-Abendessen statt, an dem spezielle Gerichte gekocht werden - heute gibt es Mexikanisch. Der Laden ist brechend voll. Es gibt Tortillas mit einer leckeren Füllung, Bohnen, Fleisch und Salat. Wir lernen einige der Dorfbewohner kennen und fühlen uns fast schon wie zu Hause. Zu lange können wir allerdings nicht bleiben. Jess muss am nächsten morgen um drei Uhr aufstehen, um ihr eigenes Brot zu backen. Seit einigen Jahren ist sie selbstständig und beliefert die umliegenden Feinkostgeschäfte mit ihrem frischen, handgemachten Brot. Sogar das Mehl stellt sie selbst her. Zum Frühstück kommen wir sie besuchen und essen einen ganzen Laib des noch warmen Brotes. Delicious! Danach helfe ich ihr das Brot auszuliefern. Ein ganz schöner Aufwand für die 70 Laibe, die es an sieben Stationen abzuliefern gilt. Selbstständigkeit ist bekanntlich kein Zuckerschlecken, vor allem in den ersten Jahren nicht.

Als wir am Nachmittag zurück kommen lohnt es sich kaum noch loszulaufen. Jess schaut mich schief von der Seite an und meint: "Friedi, morgen ist mein Junggesellinnen-Abschied. Komm doch mit. Das wird bestimmt toll!" Also frage ich Ilkay ob das in Ordnung für ihn ist. Rumgammeln? Serien gucken? Bier ist auch noch im Kühlschrank? Klar, kein Problem!

Am Samstag Morgen sitzt die ganze Bande Mädels bei Karen, einer Freundin von Jess im Haus und trinkt Sekt und Jello Shots - Kurze, die aus Wackelpudding und Wodka bestehen. Als alle gut angetrunken sind, fährt uns der arme Ehemann einer anderen Freundin, in einem großen Van nach Columbia. Jess möchte, dass alle Mädels eine Perücke tragen. Also stürmen wir einen Secondhand Shop und suchen uns jeder ein passendes Teil aus. Meine ist hellblond. Kritisch betrachte ich mich im Spiegel. Abzipp-Hose von The North Face, Teva-Sandalen, das Shirt meines Freundes und eine fancy Perücke. So geht das nicht. Ich brauche etwas anderes zum anziehen, so viel steht fest. Also wühle ich mich durch die Vintage-Klamotten und finde einen lachsfarbenen Rock, eine schwarz-weiße Bluse und braune Lederschuhe. Sieht doch gleich besser aus. Als alle mit einer Perücke ausgestattet sind gehen wir essen, ziehen durch die Stadt und besuchen ein ziemlich gutes Konzert. Ein unvergesslicher Abend!

Die Crew.  

Die Crew.  

Bus in Rocheport. Foto: Ilkay  

Bus in Rocheport. Foto: Ilkay  

Während wir Party machen chillt Ilkay mit Hombey, Jess' Katze. Foto: Ilkay

Während wir Party machen chillt Ilkay mit Hombey, Jess' Katze. Foto: Ilkay

Am nächsten Tag brechen wir in Rocheport auf. Allerdings nicht morgens, sondern kurz bevor es dunkel wird. Früher haben wir es einfach nicht los geschafft. Vielleicht liegt es daran, dass es regnet, unsere Motivation lässt jedenfalls zu wünschen übrig. Die folgenden Tage trotten wir den Katy Trail entlang und hängen unseren Gedanken nach. Ab und zu kreuzt eine Schildkröte oder eine Schlange unseren Weg und die Vögel machen einen Höllenlärm in den Bäumen über uns. Fast tropisch ist die Landschaft, mit jeder Menge Lianen und sumpfigem Waldboden.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Zeltplatz. Foto: Friedi

Zeltplatz. Foto: Friedi

Friedi kocht. Foto: Ilkay  

Friedi kocht. Foto: Ilkay  

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Als wir Jefferson City erreichen gehen uns die Lebensmittel aus. Der nächste Supermarkt ist laut einer Frau, die wir am Trail treffen, 6 Meilen entfernt. Zu weit für meine Füße, die so sehr schmerzen, dass ich am liebsten keinen einzigen Schritt mehr gehen würde. Gnädigerweise fährt uns die Frau zum Laden. Sie nehme eigentlich keine Fremden mit, sagt sie uns, aber wir könnten auf der Pickup-Ladefläche mitfahren. Sie scheint ein schlechtes Gewissen zu haben, da ihre zwei Chihuahua Hündchen auf der Rücksitzbank sitzen dürfen, während wir hinten auf dem Ladefläche kauern und gibt uns daher eine Decke und Kopfkissen heraus. "Hier bitte, damit ihr es bequemer habt!" Die Fahrt dauert fast eine viertel Stunde und wir schlafen beinahe auf der Ladefläche ein, so gemütlich ist es dort hinten. Während wir einkaufen, wartet die Frau im Auto, da sie uns danach zu einer Schutzhütte fahren will, die ihr Vater betreut. Die Hütte stellt sich als ein Haus heraus, das mit vielen Betten, einer Küche und Duschen ausgestattet ist und ebenfalls auf dem Katy Trail liegt. Es ist kostenlos, nur in das Gästebuch soll man sich eintragen und alles so hinterlassen, wie man es vorgefunden hat.

Auf der Ladefläche. Foto: Ilkay

Auf der Ladefläche. Foto: Ilkay

Nach der wohltuenden Dusche beschließe ich im Waschbecken meine Klamotten auszuwaschen. An der Wand neben mir hängt ein Fön aus den 50er Jahren, ein mächtiges Teil aus massivem Eisen. 'Do not use' steht auf einem roten Stück Klebeband. Als ich mein Shirt aus dem Wasser ziehe, drücke ich mit dem Ellenbogen versehentlich auf den An-Knopf des Monsters. Knatternd springt er an und ich warte schon drauf, dass er explodiert oder so. Kurze Zeit später wird mir klar, dass der Fön zwar funktioniert, aber nicht mehr ausgeht. "Illlllkaaaayyy, Hilfe!"

Gerade hat er noch gesagt, wie sehr er sich darauf freut draußen vor der Schutzhütte die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Jetzt steht er hier mit dem Leatherman in der Hand und beginnt den Föhn von der Wand zu schrauben. "Kann ich irgendwas machen? Die Schrauben halten? Nicht? Ok. Ich geh dann schon mal raus und leg mich auf die Bank, ja?" Manchmal ist es wirklich gut ein Mädchen zu sein.

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