Schon zu Beginn der Reise ist uns aufgefallen, dass wir kaum anderen Wanderern begegnet sind. Auf dem Katy-Trail treffen wir jedoch täglich auf welche. Meist jedoch auf Drahteseln. Nennen wir sie berittene Wanderer. Einige fahren den Katy-Trail auf und ab, andere sind auf dem Transamerica-Trail, der scheinbar ebenfalls hier entlang führt unterwegs. Jedoch niemand bewegt sich auf dem American Discovery Trail, wie wir. Nachdem ich also am vorherigen Tag, dem sehr arbeitstüchtigen und pausenlos arbeitenden Fön eine Zwangspause verpasst habe, konnte ich endlich zur Ruhe kommen. Das Teil ist noch aus einer Zeit, in der alle Geräte wie Panzer gebaut wurden. Das Gehäuse wiegt mehrere Kilo und man hätte es vermutlich als kugelsichere Weste benutzen können. Unser nächstes Ziel ist Hermann, eine Stadt in die uns praktisch jeder geraten hat zu gehen. Sie wurde von deutschen Einwanderern im 18. Jahrhundert gegründet. Unsere größte Hoffnung: deutsches Brot. Kein lappriges Toastbrot. Bitte Hermann, bitte habe leckeres, hartes Brot für uns. Aber bevor wir das Städtchen erreichen liegen noch einige Meilen schnurgeraden Wanderwegs vor uns und wir müssen über eine große Brücke auf die andere Seite des Missouri Rivers gelangen. Immer noch begleitet von der gnadenlosen Hitze der Sonne und der hohen Luftfeuchtigkeit.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Huckleberry Finn. Foto: Friedi

Huckleberry Finn. Foto: Friedi

Friedi denkt sie wäre ein Baum. Foto: Ilkay

Friedi denkt sie wäre ein Baum. Foto: Ilkay

Autofriedhof: Foto Ilkay

Autofriedhof: Foto Ilkay

Hunger. Was soll man nicht machen, wenn man hungrig ist? Richtig. Einkaufen und in einem teuren Restaurant essen gehen. In Hermann haben wir beides gemacht. Mit leeren Bäuchen begeben wir uns auf Nahrungssuche und landen in einem Restaurant namens Tin Mill, das sich in einer alten Mühle befindet. Sehr cooles Gebäude, von innen als auch von außen. Blechfassade, das Skelett besteht aus Holzbalken, wie in einem Fachwerkhaus. Das Menü offenbart mir vier verschiedene Biere aus der hauseigenen Brauerei. Ich überspringe den englischen Namen und die Beschreibung und lande beim deutschen Namen: Doppelbock. Zack, bestellt. Mir wird ein pechschwarzes Bier serviert. Geschmack: Bier mit starker Kaffeenote. Ein Blick auf die Beschreibung in der Karte erklärt wieso. Es werden Kaffeebohnen und Vanille beim Brauen eingesetzt. Toll, 6$ für Kaffee verschwendet. Das Essen ist auch eher "meh". Mein Burger, mit einer Bulette aus schwarzen Bohnen, ist teilweise verbrannt. Zum ersten Mal in meinem Leben lasse ich etwas zurückgehen. Mir wird ohne zu zögern ein neuer Burger gebracht. Dieser ist wieder etwas verbrannt. Naja, der Hunger siegt und es wird aufgegessen. Hier wird nichts weggeschmissen.

Auf einem Campingplatz innerhalb der Stadt schlagen wir unser Zelt auf. Unsere Nachbarn sind berittene Wanderer. Scott und Allen. Wir verstehen uns sofort und quatschen über unsere Trips. Sie machen eine achttägige Reise über den Katy-Trail mit ihren Fahrrädern. Hier in Hermann wollen sie morgen Wein probieren, denn hier gibt es eine ausgeprägte Weinkultur, bedingt durch die deutschen Wurzeln. Hoffentlich ohne Kaffeebohnen.

Allen, Friedi, Scott, Ilkay, v.l.n.r. Foto: Allen

Allen, Friedi, Scott, Ilkay, v.l.n.r. Foto: Allen

Ziemlich viel ist "deutsch" in Hermann. Deutsche Schilder hängen überall, die Namen sind deutsch aber niemand den wir treffen spricht deutsch. Was gibt es zum Frühstück? Brot! Haben wir Brot? Nein. Also, auf zur Bäckerei, die wir am Tag zuvor entdeckt haben. Nussschnecken und anderes süßes Gebäck erwarten uns drinnen. Im Regal an der Wand liegt Brot. "Siebenfelder", "Hausgenachtes", "Rosinebrot" steht auf dem Etikett. Hört sich gut an, sieht aber nicht gut aus, denn wir haben hier wieder typisch amerikanisches Toastbrot. Dunkles Toastbrot, helles Toastbrot, Toastbrot mit Kernen. Ich bin enttäuscht. Und nein, ich habe mich gerade nicht verschrieben, so heißen die Brote laut dem Etikett. Wir ziehen weiter zur ehemaligen deutschen Schule, die nun ein Museum ist. Hier sind Kleidung, Waffen, Spielzeug, Möbel, Werkzeug und Fotos aus der Gründungszeit Hermanns ausgestellt. Wie sich herausstellt wurde es der Schule nach dem ersten Weltkrieg verboten auf deutsch zu unterrichten und ich schätze mal, dass so nach und nach die Sprache untergegangen ist. Zum Mittag gehen wir ins "Wursthaus". Hier gibt es "German potato salad". Dieser ist auf der deutschen Kartoffelsalat-Skala von 1-10 eine -4, denn er ist süß, flüssig und irgendwo auf der Überfahrt von Deutschland nach Amerika hat wohl jemand heimlich "bacon" hinzugefügt. Kurz bevor wir gehen kommt noch ein älterer Herr und fragt ob er sich für einen kurzen Plausch zu uns setzen darf. "Sure.", sage ich. Er erzählt uns, dass er deutsche Vorfahren hat und danach stelle ich auf Durchzug, denn Jesus mischt sich hier ins Gespräch ein. Er wurde hier hergeschickt, um uns zu treffen, das war kein Zufall, Regenbogen, Wildgänse, ein Zeichen...muahhhh. Wieso muss man hier immer konvertiert werden? Das passiert dauernd. Letztens hat uns einer gesagt, dass die Welt untergeht, da die Sonne explodiert und der Feuerring mit 1000 Meilen pro Stunde auf die Erde zugerast kommt, man hätte dann nur noch acht Tage zu leben und das sei Fakt, bestätigt von der NASA. Mal schauen.

Entfernung Sonne - Erde: 1 astronomische Einheit oder 92955807,267 Meilen

92955807,267 Meilen / 1000 Meilen pro Stunde = 92955,807267 Stunden

92955,807267 Stunden / 24 = 3873,159 Tage

3873,159 Tage / 365 = 10,61 Jahre

10 Jahre, 222 Tage, 15 Stunden, 36 Minuten. So, so, acht Tage also. Woher haben die Leute sowas? Und wieso wird das nicht hinterfragt?

Wir müssen weiter, noch etwas einkaufen bevor es weiter geht auf dem Katy-Trail. Außerhalb von Hermann, auf dem Weg zum Pfad, gibt es einen Supermarkt. Wir kaufen für zwei Tage ein. Das sollte reichen bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit und wir wollen nicht zu viel tragen. Der Kassenzettel sagt, wir hätten für über 54$ eingekauft. "Waaaaaas?!", denke ich mir. Das sind normalerweise 3-4 Tage Proviant für das Geld. Die Ursache ist schnell gefunden. Nein, kein Fehler, sondern Friedi hat sich anderthalb Kilo Trauben für knapp 10$ rausgelassen. Ok. Die müssen wohl so richtig BIO sein.

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Die nächsten zwei Tage trotten wir in der prallen Sonne über unseren Wanderweg und schielen neidisch auf die vorbeirauschenden berittenen Wanderer und ihre Drahtesel, während wir unsere Kobe-Trauben essen. Tandems, Fahrräder mit Anhänger, großen Radtaschen, Liegeräder und so weiter. Wir grüßen allen und man grüßt uns. Mhhh, liegen. Was ich jetzt für so ein Liegerad geben würde. Unsere Füße schmerzen und auf dem schnurgeraden Pfad hat man das Gefühl sich auf der Stelle zu bewegen, was die Sache nicht angenehmer macht. Im Gegenteil. Das nagt ziemlich an der Motivation. Wir legen öfter Pausen ein und kneten unsere Füße durch, während Socken und Schuhe in der Sonne trocknen.

Zelfie. 

Zelfie. 

Nachthimmel. Foto: Ilkay

Nachthimmel. Foto: Ilkay

Das ist ein Frühstück Deluxe mit Homo Milk. Foto: Ilkay

Das ist ein Frühstück Deluxe mit Homo Milk. Foto: Ilkay

Wie jeden Abend brauchen wir auch dieses Mal eine Schlafmöglichkeit. Aus der Entfernung sehen wir einen Getränkeautomaten neben dem Eingang eines Hauses, auf dessen Stufen einige Leute sitzen. Hm, so eine kalte Cola wäre jetzt schon der Wahnsinn und vielleicht fragen wir die Leute ob wir hier irgendwo das Zelt aufschlagen können. Wobei wir uns bei den Bewohnern, in diesen Mini-Dörfern, auf dem Katy-Trail nie sicher sind. Manche sind etwas grimmig. Naja, die werden uns schon nicht aufessen und unsere Füße können echt nicht mehr. Wir nähern uns der Meute. Das Haus ist weiß mit blauen Elementen und scheint ein Laden zu sein. Man erkennt die Schrift auf dem Schild kaum. Einer der Gruppe, der etwas kräftig ist, sitzt auf der Stufe der Veranda, neben ihm steht ein anderer Kerl, auf dem Boden liegt eine Frau und eine weitere sitzt hinten an der Wand. Der Getränkeautomat kommt immer näher. Erstmal eine Cola holen und währenddessen kann man die Leute beobachten und einschätzen. "You made it! Even without bikes", sagt die Frau an der Wand, während sie strickt. Das ist eine der Gruppen, die uns heute im Laufe des Tages mit ihren Fahrrädern überholt hat. Wir stellen uns vor, tauschen unsere Geschichten aus und nach nicht einmal fünf Minuten haben wir auch einen Schlafplatz und eine Einladung zu einer Party. Die Fahrradgruppe fährt für einige Tage über den Katy-Trail und hier hinter dem Laden hat der kräftige Kerl, namens Dickie, ein altes Haus und eine Scheune. Die Scheune hat er entrümpelt und nun trifft er sich hier öfter mit Freunden. Es wird gegessen, getrunken vor allem musiziert, so auch heute. Vor kurzem hatten wir nichts und jetzt gibt es kühles Bier, gutes Essen, einen sicheren Zeltplatz und allen voran Musik in bester Gesellschaft.

Unser Zeltplatz vor der Scheune. Foto: Ilkay  

Unser Zeltplatz vor der Scheune. Foto: Ilkay  

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Am nächsten Morgen packen wir zusammen und verabschieden uns. Gloria, Michael, Terry und Matt fahren weiter nach Hermann. Zelt und Schlafsäcke sind klamm, die Sonne zu schwach, um sie noch zu trocknen. Dann müssen die wohl in der Mittagspause wieder raus. Unser nächster Halt ist das Haus von Gloria und Michael, das sich 13 Meilen weiter auf dem Trail befindet. Sie haben uns am Abend zuvor zu sich eingeladen.

Ich bin überwältigt vom ganzen Wasser im Wald. Foto: Friedi

Ich bin überwältigt vom ganzen Wasser im Wald. Foto: Friedi

Foto: Friedi  

Foto: Friedi  

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Michael ist Künstler, er fertigt Holzskulpturen an. Seine Werkstatt befindet sich in einem ehemaligen "General Store" direkt neben dem Trail. Wir können das Gebäude nicht verfehlen, es ist das einzige weit und breit. Links vom Trail geht es steil den bewaldeten Berg hinauf. Auf der anderen Seite des Trails erstrecken sich Felder. Hier, inmitten von einigen Bäumen steht der "General Store". Michael empfängt uns und gibt uns sogleich eine Wegbeschreibung zum Wohnhaus, da er noch etwas arbeiten muss. Um zum Wohnhaus zu kommen muss man auf der anderen Seite des Trails über die Straße, den Berg hinauf und sich immer links halten, sonst landet man bei einem der Nachbarn. Kein Problem, das schaffen wir. Dass wir dann doch beim Nachbarn gelandet sind, erkennen wir ziemlich schnell daran, dass eine unfreundliche und wortkarge fremde Frau durch die Tür hinaustritt und gleichzeitig ein Hund um die Ecke gerannt kommt. Dieser ist umso wortreicher. Halbherzig ruft die olle Tante ihn einmal zurück und sagt uns in welche Richtung wir über den Berg müssen. Der kläffende Vierbeiner verfolgt uns fast den kompletten Weg zurück. Gleich gibt's Dresche. Ich bin kurz davor ihm meine Wanderstöcke vorzustellen, als er endlich stehen bleibt. Friedi und ich kehren zur Straße zurück und versuchen es an der nächsten Einfahrt, bleiben jedoch direkt davor stehen, denn wir müssten, um auf den Berg hinaufzukommen, über ein weiteres Grundstück mit Haus. Wir zögern, schauen uns an und wägen ab, was wir machen sollen. Keine Minute später kommt ein Subaru die Einfahrt hinunter und am Steuer sitzt eine lächelnde und winkende Gloria. Puh, erleichtert packen wir unsere Rucksäcke in den Kofferraum. Der Subaru schlängelt sich einen schmalen Schotterweg durch den Wald hinauf. Im Winter ist man hier ohne Allradantrieb aufgeschmissen. Das Haus ist aus Holz und viele, wenn nicht alle der Möbel sind von Michael selbst gebaut. Wir bestaunen die Holzskulpturen, die Möbelstücke und sind begeistert. Noch faszinierender ist jedoch die kleine Galerie im oberen Stockwerk der Werkstatt. Am besten ihr macht euch selber ein Bild von Michaels Kunst, denn ich könnte es nicht angemessen beschreiben: www.michaelbauermeister.com Der Plan ist, dass wir bei den beiden für ein paar Tage bleiben, um unsere Füße auszuruhen, dann geht es nach St. Louis, um die Stadt anzuschauen, ins Kunstmuseum zu gehen und im Secondhand-Shop Kleidung für die Hochzeit von Jess und Jaeson zu kaufen. Die beiden haben uns zu ihrer Hochzeit in Rocheport eingeladen. Wir sind über 100 Meilen in 5-6 Tagen gelaufen und Rocheport ist dementsprechend weit weg aber Jaeson holt uns ab, also nehmen wir die Einladung gerne an.

Gloria, Friedi, Ilkay, Michael. Foto: Friedi

Gloria, Friedi, Ilkay, Michael. Foto: Friedi

Gloria ist eine wunderbare Köchin und versorgt uns mütterlich mit bestem Essen. So können Friedi und ich den Wanderfraß für einige Zeit aus unseren Köpfen und Mägen verbannen. Wenn Michael und Gloria nicht arbeiten, dann musizieren sie gemeinsam. Entweder zu zweit oder mit Freunden. Zu einer der Jamsessions nehmen sie uns mit. Sie findet in der Werkstatt eines Freundes, der Glasbläser ist, statt. Während Friedi sich musikalisch integriert mache ich Fotos und gleichzeitig ärgere ich mich über mein 15 Jahre jüngeres Ich, das meine Karriere als Musiker beendet hat und sich lieber mit anderen Dingen beschäftigt hat, wie nichts tun.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

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Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Foto: Ilkay 

Neu eingekleidet fahren uns unsere Gastgeber zu Jaesons Stiefvater, wo wir auf Jaeson warten. Obwohl wir uns erst seit einer knappen Woche kennen, fällt uns der Abschied schwer. Wie schnell das immer geht. In Rocheport kennen wir mittlerweile auch jeden von unserem letzten Aufenthalt zwei Wochen zuvor. Die Hochzeit ist erst in zwei Tagen, also hängen wir erstmal in Rocheport ab. Am ersten Abend sind wir auf der Einweihungsfeier von Gregs und Marissas neuem Haus. Bei Whisky und Bier reden wir über den desaströsen Zustand Amerikas, wie lächerlich Trump ist, schöne Autos, suchen im Dunklen "Maple", den Hund und hören Greg, Marissa und Jaeson beim musizieren zu.

Jess, Greg und Jaeson. Foto: Ilkay

Jess, Greg und Jaeson. Foto: Ilkay

Jaeson und Maple. Foto: Ilkay

Jaeson und Maple. Foto: Ilkay

Greg und Marissa. Foto: Ilkay

Greg und Marissa. Foto: Ilkay

Ich bin kein großer Fan von kirchlichen Hochzeiten und DJ Klaus, der anschließend alle Gäste, mit der vierten Wiederholung von "Atemlos", zum Tanzen "animiert". Glücklicherweise gehört diese Hochzeit in eine ganz und gar andere Kategorie. Nämlich die "lade das ganze Dorf ein, sperre die Hauptstraße ab und lass zwei Country-Bands spielen"-Kategorie. Wir haben einen wunderschönen Abend bevor es am nächsten Tag weiter auf dem Trail geht.

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

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