Als ich am Morgen nach der Hochzeit aufwache, scheint die Sonne heller und Ilkay schnarcht lauter, als sonst. Er ist erst um 4 Uhr ins Zelt gekommen. Ich habe schon um halb 3 schlapp gemacht, nachdem die letzte Band aufgehört hat zu spielen. Es war eine schöne Hochzeit, sehr unkonventionell, ohne große Zeremonie, dafür mit einer umso größeren Party.

Als wir gemächlich beginnen unsere sieben Sachen im Rucksack zu verstauen, verabschieden sich Jess und Jaeson von uns. Sie sind mit der Familie zum Brunchen verabredet und können leider nicht warten, bis wir abgereist sind. Auf der Veranda hängen noch zwei Typen rum. Einer, mit langen Dreadlocks, der sich erstmal ein Pfeifchen gönnt und Nic, mit dem ich mich auf der Party länger unterhalten habe. Er fährt glücklicherweise nach St. Louis zurück und ist bereit uns mitzunehmen. Den sympathischen Musiker mit den Dreads werfen wir in Columbia bei Freunden raus und gönnen uns dann erstmal ein super leckeres Fast-Food-Menü bei Wendys. Kaum zu glauben, aber wir haben in den beiden Tagen bei Jess und Jaeson, trotz Hochzeit, kaum etwas gegessen. Wer baut auch das Büffet hinter der Bar auf? Ist doch ganz klar, dass sich der Partygast so primär um den Biernachschub kümmert und weniger um die Pulled Pork Burger.

Nach dem Besuch bei Wendys überlegen wir, wo Nic uns rauslassen könnte. Uns fällt Scott ein, den wir auf dem Katy-Trail kennengelernt haben und der ebenfalls in St. Louis wohnt. Ilkay ruft ihn an und fragt, ob wir die Nacht bei ihm verbringen können. In unserem Zustand können wir unmöglich heute noch loslaufen. Scott ist glücklicherweise zu Hause und bereit uns aufzunehmen.

Als wir am nächsten Morgen aufbrechen, tragen wir beide Plastiktüten mit etwa fünf Kilogramm Klamotten mit uns herum - das Ergebnis unserer Shoppingwut in St. Louis. Was für gute Secondhand-Shops die hier haben, da hätten wir auf mindestens drei weitere Hochzeiten gehen können. Die Klamotten müssen jetzt erstmal auf die Post gebracht werden und warten dann hoffentlich Ende Juli in Boston auf uns. Das Paket allein kostet 40 Dollar und das Paketklebeband müssen wir in der Postfiliale kaufen, weil die olle Verkäuferin keines herausrücken will. Am Ende ist das Paket fast teurer als der Inhalt - was soll man machen. Nach dem Besuch bei der Post geht es endlich zu Fuß weiter. Die ersten paar Kilometer folgen wir einem Radweg Richtung Süden, der aber sehr bald in eine Landstraße mündet. Ab hier beginnt es einmal mehr zäh zu werden. Farm, Acker, Farm, Acker, Traktor. Laufe ich noch oder schlafe ich schon? Spätestens am Nachmittag sind wir uns einig, dass wir morgen wieder hitchhiken. Unsere Zeit wird langsam knapp und wir wollen lieber die schönen Streckenabschnitte in den Appalachen laufen, als hier im Flachland am Highway entlang zu trotten.

Schöne, aber öde Landschaft im Illinois. Foto: Friedi

Schöne, aber öde Landschaft im Illinois. Foto: Friedi

Das Hitchhiken gestaltet sich dieses Mal um einiges zeitaufwändiger als es sonst der Fall war. Wir versuchen uns an den Highway 50 zu halten, der kleiner und weniger befahren ist, als die Interstate, allerdings auch eher von Leuten benutzt wird, die nur von Dorf zu Dorf fahren. Wir stehen also alle halbe Stunde bis Stunde erneut auf der Straße und arbeiten uns langsam nach Osten vor. Es folgen Beschreibungen einiger Begegnungen, die wir mit Fahrern auf dem Highway 50 hatten:

Wir stehen in der Sonne und strecken die Daumen raus. Erst nach einer halben Ewigkeit hält ein ramponierter PT Cruiser. Ilkay schaut mich fragend an, zwei Männer, eigentlich haben wir beschlossen nur bei Paaren, Frauen oder allein reisenden Männern mitzufahren. Ein kurzer abschätzender Blick, dann nicke ich Ilkay zu. Die Männer sind ziemlich alt und dick. Die werden uns schon nichts tun. Als unsere Rucksäcke im Kofferraum verstaut sind, quetschen wir uns auf die Rücksitzbank und stellen uns vor. Alles, was dann kommt beruht auf Spekulationen, denn die beiden nuscheln so sehr, dass wir nicht einmal jedes zweite Wort versehen. Verzweifelt schaue ich Ilkay an. Was erzählt der uns da? Die beiden haben einen neuen Esel und fahren am Wochenende mit dem Planwagen zum Fischen an den Fluss? Obama ist der neue Hitler Amerikas? Hat der tatsächlich gerade gefragt wie es um den Krieg in Deutschland steht? Mein Wanderbuddy unterdrückt einen Lachanfall und fragt, ob er den Krieg meint, der vor 70 Jahren beendet wurde. Alter Falter, da setzt sich aber einer mit dem Weltgeschehen auseinander. Wen die beiden wählen liegt auf der Hand - Trump. Zum Mittagessen laden uns die Alten in einem winzigen Schuppen zu Fish und Chips ein. Sie sind, trotz Sprachbarriere, furchtbar nett und hilfsbereit. Da macht es mich wirklich traurig, dass die Bildung in diesem Land so oft zwischen Wirtschaftswachstum, Lobbyismus und Propaganda auf der Strecke bleibt.

Ein Auto hält. Foto: Ilkay

Ein Auto hält. Foto: Ilkay

 Die beiden PT-Cruiser Fahrer. Foto: Ilkay

 Die beiden PT-Cruiser Fahrer. Foto: Ilkay

Einige Stunden später stehen wir an einer Ausfahrt und versuchen einen neuen Fahrer zu finden, als plötzlich ein Van an uns vorbei flitzt. Die Insassen winken fröhlich und sehen irgendwie merkwürdig aus - der Mann am Steuer trägt einen Hut und einen langen Bart, die Frau ein altertümliches Häubchen und ein hochgeschlossenes Kleid. Das müssen Amish sein! "Die Heuchler, da fahren se mi'm V8 durch die Gegend!"

Am ersten Abend unserer Hitchhike-Odyssee sammelt uns Nathan am Highway auf. Er kennt Unseresgleichen schon, denn er hatte vor drei Jahren eine Thru-Hikerin zu Besuch, die alleine den ganzen American Discovery Trail gelaufen ist! Bereitwillig versorgen er und seine Familie uns mit Pizza und einer Dusche, bevor es in den Keller geht, wo Nathan uns seine Stove-Werkstatt zeigt. In seiner Freizeit baut er die kleinen Campingkocher aus alten Bierdosen und verschenkt diese an Freunde. Wir beide bekommen einen mit auf den Weg, was uns unglaublich freut. Wer kann schon von sich behaupten einen echten recycelten Mini-Ultralight-Stove zu besitzen, der sogar eine Gravur am Boden hat? Und ich muss sagen, das Ding funktioniert ausgezeichnet. Unser Lieblingsessen, die Knorr Nudeln "Alfredo" sind schneller fertig, als mit dem Gaskocher, den wir zuvor benutzt haben.

Ausblick von Nathans Terrasse. Foto: Ilkay

Ausblick von Nathans Terrasse. Foto: Ilkay

Mein TLI Stove. Foto: Friedi

Mein TLI Stove. Foto: Friedi

Die Gravur meines Stoves. Foto: Friedi

Die Gravur meines Stoves. Foto: Friedi

Zwei Tage später ist Wyld unser Fahrer. Ja, der heißt wirklich so. "Fragt meine verrückte Hippie-Mutter, die hat mir den Namen gegeben", sagt er nur, als wir ihn ungläubig anschauen. Er wohnt in einem Holzhaus im Wald kurz vor Cincinnati und ist Zimmermann. Weil er beschließt uns ein gutes Stück zu fahren, haben wir jede Menge Zeit mit ihm über sein Business zu reden und sind sofort fasziniert von seiner Fähigkeit Scheunen und Häuser zu bauen. Er hat die 'alte Schule' gelernt und nutzt hauptsächlich Werkzeuge, die schon im Mittelalter verwendet wurden, um das Holz zu bearbeiten. Die Scheunen, die er baut sind komplett aus Holz, keine Schraube kommt zum Einsatz. Neben der Arbeit mit Holz ist Reisen Wylds große Leidenschaft. Am liebsten zieht er mit seinem kleinen Sohn durch Südamerika und Asien. Es gibt also doch reisefreudige Amerikaner!

Unser letzter Fahrer ist Red, der uns mit seinem Dodge Dakota am Highway bei Athen einsammelt. Zuerst bin ich misstrauisch. Die Karre sieht aus , als hätte eine Bombe eingeschlagen. Red entpuppt sich jedoch als ein netter Kerl und wir sind gleichermaßen geschockt wie fasziniert über die Geschichten, die er uns auf den kommenden 30 Meilen erzählt. Er würde gern nach Deutschland, sich das Oktoberfest anschauen und durch Europa reisen. Jedoch wird er als Straftäter wohl nie einen Reisepass ausgestellt bekommen. Ich frage mich, was er verbrochen haben könnte. Hat er vielleicht ein bisschen Gras an Freunde verkauft, weil er mit seinem Job zu wenig Kohle verdient? Er macht einen herzlichen und weichen Eindruck und ist nicht auf den Mund gefallen. In Deutschland hätte er wohl Abitur gemacht und Politikwissenschaften studiert, denke ich mir. Er ist ein Bernie Sanders Fan und hofft, dass die Amerikaner irgendwann aufwachen und einen Präsidenten wählen, der versucht die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen, statt sie immer weiter zu öffnen. Als wir uns verabschieden, denke ich einmal mehr über die Merkwürdigkeiten der amerikanischen Politik nach und hoffe für Red, dass sich bald etwas ändert.

Nach drei Tagen und 17 Fahrten erreichen wir schlussendlich West Virgina. Von Parkersburg führt der ADT über einen Trail nach Clarksburg, der dem Katy-Trail ähnelt. Allerdings ist es hier noch wärmer als in Missouri und - man glaubt es kaum - noch schwüler. Das kleine Thermometer an meinem Rucksack zeigt 33 Grad Celsius an und unsere T-Shirts kleben schon beim allmorgendlichen Packen am Körper. Das tropische Klima scheint vor allem den Insekten, Amphibien und Reptilien gut zu gefallen. Wir begegnen tonnenweise Fliegen, die sich bevorzugt in unseren Mündern und Augen aufhalten. Außerdem sehen wir Schlangen in allen Größen und Farben, Schildkröten, orange-schillernden Lurche und bunte Eidechsen. Menschen sehen wir keine. Auch die Pflanzen werden immer ausgefallener, die Bäume immer höher. Mit jedem Tag wird die Landschaft hügeliger, sodass der Trail bald durch den ersten alten Eisenbahntunnel führt. Es gibt auf der knapp 70 Meilen langen Strecke etwa zehn dieser Tunnel, die alle aus dem 19. Jahrhundert stammen und definitiv ein Highlight dieses Trail-Abschnitts darstellen. Sie sind teilweise bis zu 400 Meter lang, das Wasser tropft von der Decke, sodass sich kleine Stalaktiten bilden. Es ist herrlich kühl und still hier drin und man hat das Gefühl zu schweben, da man weder Füße noch den Boden sehen kann. Ein feiner Nebel hängt etwa auf Kniehöhe in Luft und der sanfte Windhauch trocknet für kurze Zeit den Schweiß auf der klebrigen Haut.

Na? Schmecken die Top Ramen Nudeln? Foto: Ilkay

Na? Schmecken die Top Ramen Nudeln? Foto: Ilkay

Oder lieber Kaubonbons? Foto: Ilkay

Oder lieber Kaubonbons? Foto: Ilkay

Einer der Tunnel. Foto: Ilkay

Einer der Tunnel. Foto: Ilkay

Im Tunnel. Foto: Friedi

Im Tunnel. Foto: Friedi

Schöner Mann in schönem Licht. Foto: Friedi

Schöner Mann in schönem Licht. Foto: Friedi

Mittagspause am Tunnel. Foto: Ilkay  

Mittagspause am Tunnel. Foto: Ilkay  

Nach einigen Tagen erreichen wir Clarksburg, wo uns nach einer 32 Kilometer Etappe glücklicherweise ein Mann aufsammelt und uns mit nach Hause nimmt. Wir dürfen in seinem Garten campen, duschen und bekommen Pizza und Kuchen.Ich kann gar nicht beschreiben wie unglaublich sich eine Dusche nach einem solchen Trail-Abschnitt anfühlt. Das ist die pure Glückseligkeit! Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Parsons einem kleinen Städtchen, das sich verschlafen an die Hügel West Virginias schmiegt. Unser Weg führt uns über kleinere Straßen durch eine ländliche und sehr schöne Gegend. Hier ist der American Discovery Trail sogar einigermaßen ausgeschildert. Immer wieder sehen wir Pfosten mit dem kleinen Emblem und treffen sogar Leute, die schon mehreren Thru-Hikern begegnet sind.

Landschaft in West Virgina. Foto: Ilkay  

Landschaft in West Virgina. Foto: Ilkay  

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay  

Foto: Ilkay  

Immer wieder gibt es Platzregen, der die Luft endlich etwas abkühlt. Der Regen stört uns nicht übermäßig, da nach kurzer Zeit meistens die Sonne wieder herauskommt und unsere Ponchos trocknet. Wir finden viele klare Bäche und Flüsse, in denen man an geschützten Stellen baden kann. So macht das Leben draußen Spaß! Ein paar Stunden wandern, Mittagessen, nackt im Fluss plantschen, keiner Menschenseele begegnen und dann wieder ein paar Stunden wandern - perfekt! Am Tag nachdem wir in Parsons aufbrechen wollen, starren wir ratlos auf die Wanderkarte. "Ilkay, schau mal die GPS-Wegpunkte an. Das macht sowas von keinen Sinn!" Die Dinger bilden einen Kreis, führen ein bisschen nach Norden, dann wieder nach Süden. Vielleicht hat der Mensch, der den Weg markiert hat die Orientierung verloren? Nach kurzem Überlegen verlassen wir den ADT und folgen einem Trail der mehr in den Nordosten führt. Von dort können wir das kritische Wegstück perfekt umgehen und sparen uns sogar einige Kilometer. Eine sehr gute Entscheidung. Wir folgen dem Trampelpfad etwa 15 Kilometer durch den Wald. In der Schlucht zu unserer Rechten rauscht ein Fluss. Auf der linken Seite sind immer wieder klare Bäche zu sehen, die ins Tal hinab fließen. Am Nachmittag entdecken wir einen wunderschönen Wasserfall, an dem wir einige Zeit verbringen, bevor es weiter nach Thomas geht. Nach dieser Tagesetappe kann es nicht besser werden, möchte man meinen? Doch es geht eindeutig noch besser. Thomas entpuppt sich als Künstler-Örtchen, das keine 600 Einwohner, dafür mehrere Galerien, kleine Craft-Läden und Cafés hat. Wir quartierten uns im Purple Fiddle ein, einer Musikkneipe mit Hostel-Etage und besuchen am Abend ein tolles Konzert. Wenige Stunden später haben wir eine ganze Menge neuer Freunde gefunden und ich ziehe bei den unglaublich niedrigen Mietpreisen und den riesigen Altbauwohnungen, der guten Gesellschaft und der tollen Community ernsthaft in Erwägung auszuwandern.

Ilkay im Regenponcho. Foto: Friedi

Ilkay im Regenponcho. Foto: Friedi

"Von der Seite siehst du aus wie eine dicke Erdbeere." Foto: Ilkay  

"Von der Seite siehst du aus wie eine dicke Erdbeere." Foto: Ilkay  

Ist der aus Plastik? Foto: Friedi

Ist der aus Plastik? Foto: Friedi

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Steinmännchen. Foto: Friedi

Steinmännchen. Foto: Friedi

Ilkay am Bach. Foto: Friedi

Ilkay am Bach. Foto: Friedi

Der Wasserfall. Foto: Ilkay

Der Wasserfall. Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Eisenpartikel im Wasser färben die Felsen rot. Foto: Friedi

Eisenpartikel im Wasser färben die Felsen rot. Foto: Friedi

Ilkay am Wasserfall. Foto: Friedi

Ilkay am Wasserfall. Foto: Friedi

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