Nach fünf wunderschönen Tagen in New York, verpassten Anschlussflügen, einem mehrstündigen Aufenthalt am Londoner Flughafen "Heathrow" - inklusive Shoppingwut - sind wir nun beide wieder sicher in der Heimat angekommen. Etwas verspätet, aber man sagt ja "besser spät als nie", kommt hier der Bericht von unseren letzen Tagen auf dem Trail.

...Das Bed&Breakfast in Paw Paw hat einen kleinen, weißen Schuppen, den die Besitzer zum Mehrbettzimmer umfunktioniert haben. Hier genießen wir einige ruhige Tage, die ich vorwiegend im Bett verbringe, um mich von der Grippe zu erholen. Ilkay sitzt währenddessen auf der Veranda und liest oder surft im Internet. Es scheint ihm nicht wirklich etwas auszumachen die Beine hochzulegen und nebenher das unglaublich gute Essen zu genießen, das uns die nette B&B Besitzerin täglich auftischt. Am dritten Tag sind wir besonders froh ein Dach über dem Kopf zu haben, denn die Sirenen im Dorf beginnen wild zu heulen und kündigen einen Tornado an. Ganz ehrlich - ein bisschen Schiss habe ich schon. Ilkay hingegen zückt seine Kamera und bekommt ganz glasige Augen. "Friedi, hoffentlich kommt wirklich einer, sowas wollte ich schon immer mal sehen!" Einige Stunden später steht jedoch fest, dass außer ein paar dunklen Wolken, starkem Wind und Regen nichts passieren wird. Der Tornado ist einige Meilen weiter gezogen und hat dort für Verwüstung gesorgt.

Friedi, krank im Bett. Foto: Ilkay

Friedi, krank im Bett. Foto: Ilkay

Kleiner Taucher. Foto: Ilkay

Kleiner Taucher. Foto: Ilkay

Dunkle Wolken kündigen das Unwetter an. Foto: Ilkay

Dunkle Wolken kündigen das Unwetter an. Foto: Ilkay

Starker Regen in Paw Paw. Foto: Friedi

Starker Regen in Paw Paw. Foto: Friedi

Drei Nächte verbringen wir in Paw Paw, bevor es mir besser geht und wir zurück auf den Trail können – die letzen 160 Meilen bis Washington DC liegen vor uns. Die letzten Nächte im Zelt. Der letzte Abschnitt einer Reise quer durch Amerika. Unser Weg führt uns auf dem „C&O Canal“, am Potomac River entlang. Dieser Trail, eigentlich Chesapeake & Ohio Canal, führt von Washington DC nach Cumberland und wird hauptsächlich von Radfahrern genutzt.

Wie schon einige Trail-Abschnitte vor ihm, ist auch der C&O Canal flach und bietet für Wanderer keine große Abwechslung. So ist der Paw Paw Tunnel, der uns unmittelbar hinter dem Städtchen erwartet, neben einigen Schleusen aus längst vergangenen Flößer-Zeiten, die spannendste Sehenswürdigkeit in den folgenden Tagen.

Der Paw Paw Tunnel. Foto: Friedi

Der Paw Paw Tunnel. Foto: Friedi

Der Paw Paw Tunnel von innen. Foto: Ilkay

Der Paw Paw Tunnel von innen. Foto: Ilkay

Wir werden mit jeder Meile hibbeliger und haben im Großen und Ganzen genug vom Wandern. Aus Langeweile beginnt Ilkay mir türkische Wörter und Sätze beizubringen. Ich laufe seitdem durch den Wald und rufe ihm 'Sen çirkin sin' hinterher. Selbst schuld, mein Lieber. Zum Glück gibt es auf der Canal Trail alle paar Meilen einen Campground mit Feuerstelle, Wasserpumpe und Picknickbank, sodass wir uns nicht um einen Schlafplatz kümmern müssen. Zum ersten Mal auf der gesamten Wanderung machen wir regelmäßig ein Lagerfeuer und grillen Würstchen und matschige Hotdog-Brötchen. Die schmecken zwar nicht wie ein fünf-Sterne-Menü, sind aber besser, als die Doppel-Packung Top Ramen Nudeln, die es bisher zum Mittagessen gab.

Leider gibt es aus dieser Zeit nicht besonders viel zu berichten. Der Trail gleicht einem grünen Tunnel aus Lianen und hohen Bäumen. Weil wir uns auf einem historisch-wertvollen Fleck Erde befinden, stehen immer wieder Tafeln am Wegesrand, die das Kanalsystem, die Schleusen und andere wichtige Abschnitte dieses alten Transportsystems erklären. Immer wieder treffen wir auf kleine Dörfer, in denen wir unsere Lebensmittel auffüllen, bevor es weiter Richtung Osten geht.

Der C&O. Foto: Ilkay

Der C&O. Foto: Ilkay

Liane. Foto: Friedi

Liane. Foto: Friedi

Friedi schnitzt Stöcke zum Grillen. Foto: Ilkay

Friedi schnitzt Stöcke zum Grillen. Foto: Ilkay

Eine alte Schleuse. Foto: Friedi

Eine alte Schleuse. Foto: Friedi

Zum Nachtisch gibt es gegrillten Apfel. Foto: Friedi

Zum Nachtisch gibt es gegrillten Apfel. Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Friedi

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

An unserem siebten Nachmittag auf dem Trail stehen wir am Dorfrand von Sheperdstown. Unsere Haut klebt, wir sind verschwitzt und stinken vermutlich furchtbar, denn wir haben uns seit über einer Woche nicht gewaschen. "Eine Dusche wär schon mal wieder schön," sage ich zu Ilkay, der zwar meint, dass er es schon noch ein bisschen aushalten könnte, aber natürlich nicht nein sagen würde. Keine zwei Minuten später spricht uns eine ältere Dame an. Sie will wissen woher wir kommen und wo wir die Nacht verbringen. Als ich ihr erzähle, dass wir auf der Suche nach einem Lebensmittel-Geschäft und einer Dusche sind, läd sie uns zu sich nach Hause ein. Grinsend begleiten wir sie - dass wir auch immer im richtigen Moment den richtigen Leuten über den Weg laufen. Nach wenigen Metern stößt die Nachbarin zu uns, die ebenfalls wissen will, wer wir sind und woher wir kommen. Als sie erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, läd sie uns ein bei ihr zu übernachten. Ihr Mann spricht fließend deutsch und würde uns bestimmt gerne kennenlernen, meint sie. Wir gehen also erst zu Judy und ihrem Mann, um zu duschen und anschließend weiter zur Nachbarsfamilie, um dort zu übernachten. Ein Wunder, dass in diesem Städtchen überhaupt Hotels überleben, wo die Bewohner so gastfreundlich sind. Die nette Nachbarin hat zwei kleine Söhne, die ganz aus dem Häuschen sind, als sie uns sehen. Sie hüpfen auf dem Schlafsofa herum und wollen gar nicht ins Bett gehen. Erst recht nicht, als Ilkay ihnen eine deutsche Gute-Nacht-Geschichte vorliest.

Am nächsten Morgen verlassen wir das Haus mit der festen Absicht zurück auf den Trail zu gehen. Im Lostdog, einem kleinen Café auf der Hauptstraße, holen wir uns ein letztes Getränk und ein Stück Kürbiskuchen zum Frühstück und zapfen das Internet an, um eine Schlafgelegenheit in DC und New York zu finden. Ich mache mich auf die Suche nach einem ATM, während Ilkay vor dem Café sitzen bleibt. Als ich 5 Minuten später zurück komme, hat Ilkay einen neuen Freund gefunden. Justin wohnt etwas außerhalb von Sheperdstown, direkt am Potomac River und läd uns spontan zu sich ein. Wir lernen seine Mitbewohnerin kennen und sind gerade in ein Gespräch über das Gesundheitssystem vertieft, als Justins Eltern ankommen. Sie sind mit ihrem Sohn zum Mittagessen verabredet und nehmen uns einfach mit. Es fühlt sich etwas befremdlich an in ein Familientreffen reinzuplatzen, aber am Ende haben wir jede Menge Spaß.

Brücke vor Sheperdstown. Foto: Friedi

Brücke vor Sheperdstown. Foto: Friedi

Nach dem Essen müssen wir uns erstmal hinlegen. Woher nur diese unglaubliche Müdigkeit kommt, die uns hier sofort befällt, sobald wir nicht wandern? Ich könnte jeden Abend um 6 Uhr ins Zelt kriechen und Ilkay schläft auf jeder noch so kurzen Autofahrt im Sitzen ein. Am Abend bin ich froh geschlafen zu haben, denn wir gehen auf das Konzert von Justins Mitbewohner, der in einer Coverband spielt. Schnell sind wir beide angetrunken. Hier sollte man besser keine Diskussionen über gutes und schlechtes Bier anfangen, weil man sonst ständig ein neues in die Hand gedrückt bekommt. "Hier, probier das du deutscher Bierprofi, wir Amis können schon Bier brauen, du musst nur das richtge bestellen!"

Am nächsten Morgen bereue ich es ein wenig so viel getrunken zu haben, denn heute ist das Straßenfest in Sheperdstown. Überall sind Buden aufgebaut, es gibt Schmuck, Krimskrams, jede Menge Foodtrucks und Livemusik. Wir können also immer noch nicht zurück auf den Trail, sowas kann man sich ja schlecht entgehen lassen. Mittags machen wir uns auf dem Weg in das Städtchen und teilen uns vor einer Bude etwas zu essen und trinken ein Bier - Ilkay ist mürrisch, weil es so teuer ist - als mich jemand anspricht. "Hey Friedi, wie geht's? Seid ihr gestern gut heimgekommen?" Ach du scheiße, wer ist das?! Erst als ich den Mann sehe, der neben der zierlichen, grinsenden Frau steht, die mich gerade angesprochen hat, erkenne ich das Paar. Es sind Freunde unseres Gastgebers Justin, die wir vom Konzert am Abend zuvor kennen. Sie sind nur auf ein Bier auf das Straßenfest gekommen und wollen eigentlich bald weiterziehen. Sie fragen uns, ob wir mitkommen wollen. Die Straße hoch befindet sich ein altes Opernhaus, in dem heute Kinovorstellungen und Konzerte stattfinden. Das möchten uns Danny und Michelle gerne zeigen. Sie kennen den Besitzer, einen Dokumentarfilm-Macher, der uns herumführt und schließlich in seine Wohnung einlädt, die sich im oberen Teil des Hauses befindet. Wir trinken Bier, essen Würstchen und genießen den wunderschönen Tag. Bald werden gemeinsame Pläne geschmiedet und es wird beschlossen, dass wir am nächsten Tag auf dem Potomac River "tuben" gehen müssen. Tubing ist "typisch amerikanisch". Man lässt sich in einem großen Schwimmring den Fluss runter treiben, trinkt dabei Bier, hält immer wieder an, um etwas zu essen oder in der Sonne zu faulenzen. "Ihr könnt nicht ein halbes Jahr in den USA verbringen, ohne das einmal gemacht zu haben!" meint Michelle. "Wir holen euch morgen Vormittag ab." Da sagen wir nicht nein, das Ganze hört sich ziemlich witzig an. Bei unserem Tubing-Trip ist dann auch Justin dabei, der am Tag zuvor auf einer Hochzeit eingeladen war. Zusammen lassen wir uns den Fluss runter treiben und springen immer wieder ins Wasser unter dessen Oberfläche sich teilweise dicke Felsen verstecken, was zu einigen blauen Flecken und kleinen Schürfwunden führt. Während wir noch im Wasser planschen holt Danny mit seinem Motorrad das Auto ab, dass wir einige Meilen den Fluss hoch geparkt haben. Er ist nur mit Badehose und Helm bekleidet und sieht mit seinen ganzen Muskeln aus wie ein Superheld und wird daher von Ilkay "The mostly naked Rider" getauft. Am Abend grillen wir zusammen mit Danny und Michelle und bleiben noch eine Nacht bei ihnen, bevor es am nächsten Morgen wieder auf den Trail geht.

Sheperdstown. Foto: Ilkay

Sheperdstown. Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Foto: Ilkay

Der "mostly naked rider". Foto: Ilkay

Der "mostly naked rider". Foto: Ilkay

Im Auto. Foto: Ilkay

Im Auto. Foto: Ilkay

Nun sind es noch knappe 70 Meilen, die sich wie ein riesiger Berg vor uns auftürmen. Wir schaffen kaum 15 Meilen am Tag, weil unsere Motivation so im Keller ist und meine Füße so schmerzen, dass ich kaum noch Spaß am Laufen habe. Nach 4 Tagen erreichen wir Leesburg und beschließen dort, dass die Stadt der perfekte Endpunkt für unsere Wander-Reise ist. Dafür sind einmal mehr die Einwohner verantwortlich.

Wir gehen in ein Diner auf der Hauptstraße und essen dort das beste Chickensandwich unserer Reise und werden obendrein vom Besitzer eingeladen, müssen das weltbeste Sandwich also nicht einmal bezahlen! Als wir aufbrechen wollen, wird Ilkay von einem Mann angesprochen, der interessiert mit angehört hat, wie wir von unserer Reise erzählen. Er ruft den Lokalreporter an, der wenige Minuten später auftaucht, um uns zu interviewen. Wann seid ihr losgelaufen? Wie weit? Und was habt ihr alles erlebt? Nach dem kurzen Gespräch macht er noch ein Foto von uns und dem Mann, der uns an die Zeitung weitervermittelt hat. Am nächsten Tag erscheint der kleine Artikel in der Lokalzeitung und im Internet.

Nach dem Interview beschließen wir für unseren letzten Abend auf dem Trail noch einmal Würstchen zu kaufen und uns danach in einem Café einen Eiskaffee zu gönnen – der letzte Tag muss schließlich gefeiert werden. Während wir unseren Kaffee genießen spricht uns ein Mädchen an. Sie ist braungebrannt und ihre Statur und ihre neugierigen Fragen lassen daraus schließen, dass sie offensichtlich auch gerne Sport macht. Schnell kommen wir ins Gespräch und sie bietet an, uns das Stück zum Trail zurück zu fahren. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.

Am Abend sammlen wir gerade Holz für unser letztes Feuer, als ein Mann auf einem Fahrrad neben unserer Picknick-Bank hält. Er wirkt etwas verzweifelt und fragt, ob es uns etwas ausmachen würde, die Nacht mit einer Horde Halbwüchsiger auf dem Zeltplatz zu verbringen. Es scheint, als wäre die Gruppe schon öfter weggeschickt worden. Uns macht es jedoch nichts aus und die Halbwüchigen stellen sich wenige Minuten später als putzige Gruppe Pfadfinder heraus, die zwischen 11 und 14 Jahre alt sind und mit ihren Eltern und Betreuern einen Wochenausflug auf dem C&O Canal unternehmen. Es wird der perfekte Abschlussabend. Es ist warm, überall schwirren Glühwürmchen und die Pfadfinder-Jungs freuen sich über die restlichen Würstchen, die wir bereitwillig mit ihnen teilen.

Am nächsten Morgen nimmt uns ein Mann mit nach Boonsboro. Hier wohnt Greg, der Großonkel von Ashley, die wir Monate zuvor in Utah kennengelernt haben. Greg ist bereit uns die nächsten Tage bei sich aufzunehmen, bis es für uns weiter nach DC geht. Wir werden großartig bewirtet, dürfen im Pool baden und können endlich die letzten Monate verarbeiten. Was für eine großartige Reise, voller Abenteuer, großartigen Landschaften und unglaublichen Begegnungen. Nie hätte ich zu träumen gewagt, so warmherzig und gastfreundlich empfangen zu werden. Danke!

Ilkay badet im Potomac. Foto: Friedi

Ilkay badet im Potomac. Foto: Friedi

Friedi findet eine Schildkröte. Foto: Ilkay

Friedi findet eine Schildkröte. Foto: Ilkay

Zeltplatz am Potomac River. Foto: Friedi

Zeltplatz am Potomac River. Foto: Friedi

Friedi am Potomac River. Foto: Ilkay

Friedi am Potomac River. Foto: Ilkay

Abendsonne auf dem Trail. Foto: Ilkay

Abendsonne auf dem Trail. Foto: Ilkay

Schmeiß die Wanderschuhe weg, jetzt wird gebadet! Foto: Friedi

Schmeiß die Wanderschuhe weg, jetzt wird gebadet! Foto: Friedi

Comment